Nur Weitblick gibt Perspektiven Schauen wir in die Welt oder polieren wir nur Autos? / 30. September 2026 Von Max Christian Graeff Die Blätter fallen, das Papier der Bäume und Büsche: beschrieben mit all den Geschichten des Jahres, die heuer von Hitze und Dürre handeln, vom zuversichtlichen Werden und erfüllten Zugrundegehen wie seit Urzeiten und doch von Jahr zu Jahr verschieden. Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini Wer einst in Holk Freitags „Faust I“ im Schauspielhaus als Mephisto den „Prolog im Himmel“ sprach, hatte ich im Buch nachzuschlagen (Joseph Ostendorf!), denn die Suchmaschine mochte nicht helfen. Sie wusste aber, dass bei Pina Bausch wirklich mal ein Laubbläser ins Spiel kam, im Film „Die Klage der Kaiserin“. Plötzlich sah ich Helena Pikon wieder vor mir! Und schon fiel ein erinnerndes Blatt nach dem anderen vom Theaterbaum. Wer 1990 gesagt hätte, dass unsere Stadt 13 Jahre später ihre Mitte des Schauspielhauses verlieren wollte, den hätten wir zum Teufel gejagt. Damals reisten prominenteste Gäste aus aller Welt fürs Kunsterleben ins Tal, brachten und nahmen vieles mit und halfen uns, über den Tellerrand zu schauen – nicht nur bei den internationalen Tanzfestivals. Avantgardistische Aufbrüche aus allen Künsten zeigten sich gern zwischen unseren Hügelketten in der Wunderwunde im Bergischen Land; wir lebten im flackernd trügerischen Schein, dass noch etwas anderes regieren könne als das Geld. Jenes ist zweifellos immer noch zuhauf in den Bunkern und Tresoren vorhanden, selbst wenn die Stadt statistisch Einkommensmillionäre verliert. Warum sollten die auch hier leben wollen, in einer Stadt, die im ständigen Strukturwandel ihre alten Blätter verliert, doch die üppig nachwachsenden neuen nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgen will? Es ist nicht alles Tanz (oder Cragg-Skulptur), was glänzt: Auf unserem Stadtgebiet rauscht zum Beispiel ein vielfältig nachwachsender literarischer Mischwald aller Arten, von denen sich nur einige wenige derzeit bis zum 17. Oktober an der LIT.ronsdorf (den 19. Ronsdorfer Literaturtagen) zeigen. Und doch war beim digitalen Jahrestreffen des Netzwerks Literatur Rheinland aus dem Tal „nur“ die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft präsent. Die vorhandenen Gruppen der ihrer Kunst gemäß einzeln arbeitenden Schreibenden (auch im fnwk-Netzwerk kaum repräsentiert) sind im Kulturklimawandel so unterversorgt, dass kaum jemand sich einer Verbandsarbeit widmen kann, die uns über den Stadttellerrand blicken ließe. Und das zwei Jahre vor dem Stadtjubiläum, das durch die einzigartige Geschichte der Wupperstädte ein ungemein effektives Labor sein könnte, das Alt und Neu zu einer wirtschaftlichen und künstlerischen Zukunftsvision zusammenfasst. Bisher sind jedoch weder organisierte noch freie Kunstkräfte zur Mitarbeit aufgefordert. So droht auch hier das „Bergisch Pepita“ einer Stadt, die in ihrer Mitte jedes SUV-reiche Autohaus mehr glänzen lässt als die Kunst und den Weitblick für die in ihr lebenden Menschen. Im aufziehenden Herbst wird auch an diesem Platz immer wieder vom Geld, vom Tanz, von Haushalt und Geschiebe zu schreiben sein, bis viele es nicht mehr lesen mögen, weil sie sich selbst nicht darin finden können. Doch der Blick hinter die Hügel ist auch jener hinter die Zahlen: Selbst jene, die erschrecken mögen, sind verständlich. Das Pina Bausch Zentrum ist nicht alles, aber es ist unentbehrlich: Schon jetzt hat das Zentrum „under construction“ folgenreichste Stadtkultur geschrieben. Der Gegenwind des politischen „Kulturkampfs“ stürmt durchs Land, durch die Welt. Auf unserer Talachse verwirbelt und demoliert er den Weitblick in die Zukunft. Dieser nicht versicherbare Sturmschaden der kulturellen Bildung derer, die übermorgen hier leben, wird teurer als jedes neue Zentrum. Ihre Meinung wie immer an die E-Mail-Adresse ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Eins von vier Herzen 42