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Die Blüten des Erinnerns

Von verpassten Fragen oder was wir wissen wollen und was nicht // 22.April 2026

Von Max Christian Graeff

Vor dem ersten Satz jeder Kolumne hält mir die Welt stets im Lauf inne, ratlos in der Frage, welches Thema am Erscheinungstag noch nicht überholt sein wird. Ist es Timmy, der singend sterbende Buckelwal (wie einst in der Rockoper „Tommy“: „See me, feel me, touch me, heal me …“) oder der große Wolf Biermann und sein diesjähriger Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis, ein Walfisch ebenfalls, doch („Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“) keineswegs auf Grund gelaufen? Oder sollten es die drei Kreuzfahrtschiffe sein, die der Mausefalle von Hormus nach angstvoller Duldungsstarre (verirrten Walen nicht unähnlich) knapp entfliehen konnten, damit die Urlaubswelt sich weiterdreht? Ein Irrgarten bald versinkender Sinnbilder … – doch rechtzeitig kommt eine Horde von Grundschülern wild schreiend den Berg hinabgekegelt, lässt mich aus dem Fenster blicken und plötzlich die Büschel der heute voll erblühten Vergissmeinnichts wahrnehmen. Diese werden sicher bis Mittwoch halten …

Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini

Ihr Name, einer alten Sage abgeleitet, bedeutet in vielerlei Sprachen dasselbe – eben: Nie sollst du mich vergessen – und ihre Arten wachsen rund um die Welt. Als Kind fand ich allein zwei davon als Abzeichen in der elterlichen Kommode: Das eine ein Pflichtgeschenk des „Winterhilfswerks“ der Nazis von 1938, als Mutter in der Grundschule Spenden sammeln musste. Das andere, schlichtere, ein Emblem von Opas Jackenaufschlag, das 1926 in Bremen zur Jahresversammlung der Freimaurer ausgegeben worden war. Es dient in den Logen wohl noch heute als Erinnerungszeichen an die Zeit der Verfolgung in der Diktatur. Das Vergissmeinnicht als Mahnung, es blüht – wenn wir es sehen – zur rechten Zeit.

Derzeit suchen viele Nachgeborene in der Datenbank des US-Nationalarchivs nach familiären NSDAP-Mitgliedschaften. Abermals wird offenbar, was unsere nachdiktatorischen Lebenswelten in den Trümmern liegenließen, in der Hoffnung, das darüber wachsende Gras sei dicht genug. Die Zeitzeugen der eigenen Familie und auch jene meiner Arbeitsthemen sind allesamt verstorben; die Chancen auf weitere Auskunft in Wahrheit und Lüge sind längst dahin. Und doch war und bleibt es ein Auftrag, der nicht erzählten Wirklichkeit – verstehend oder nicht – auf den Grund zu gehen, auf dass sich neue Fragen stellen. Mehr als die Online-Kartei hilft mir der neue Ausstellungskatalog „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ (Stiftung Topographie des Terrors) zur Veranschaulichung, was alle unweigerlich wussten, ob sie wollten oder nicht. Ich grabe nicht nach Schuld in den eigenen Kommoden, doch will ich nicht in verpassten Fragen sterben, ob zur Vergangenheit oder zur Gegenwart.

Dieser Gedanke ist nun je drängender mit der nahen Zukunft verbunden, desto vehementer heutige politische Programme das Instrumentarium des Denkens bedrängen: Was nutzt das exponentielle Wachstum digitaler Daten, wenn die Werkstätten, in denen wir aus Fakten historische wie persönliche Erkenntnisse zusammenschrauben können, mutwillig zertrümmert werden? Zu ihnen gehören neben Institutionen der öffentlichen Hand auch (es muss stets wiederholt werden) Spielstätten, Einrichtungen und Projekte der Freien Szenen. Sie alle produzieren all jene Enzyme, die unsere Gehirne brauchen, um Fakten zu verarbeiten und in die nächsten Generationen weiterzureichen. Das im März veröffentlichte Positionspapier zur Kultur- und Erinnerungspolitik der AfD-Bundestagsfraktion ist ein Angriff auf die Freiheit des Denkens und jeder Cent nicht zugesprochener Kulturförderung treibt uns einen weiteren Millimeter nach rechts, auf die todbringende Sandbank des Vergessens.

Ihre Meinung wie immer an ➜ kolumne@fnwk.de

 

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