Kultur ist Schichtarbeit 27. Mai 2026 Von Marina Jenkner „Schichten der Angst“, sagt der Inhaber eines Wuppertaler Geschäftes zu mir, als ich ihn auf der Straße treffe und frage, wie es ihm geht. „Ich nenne das Schichten der Angst. Das ist das, was mich umtreibt. Wirtschaftlich, politisch, global.“ Marina Jenkner - Foto © Moritz Kaschel Ich finde seine Formulierung poetisch und doch möchte ich nicht daran glauben, dass wir uns alle mit Schichten der Angst umgeben müssen. Auch wenn viele Probleme vor Ort, in unserem Land und weltweit überwältigend sind, sich mit Angstschichten einzukleiden, darf keine Lösung sein. Ich stelle mir diese Schichten vor, wie sie Menschen einhüllen, an ihnen haften, die Bewegungsfreiheit nehmen, sie lähmen. Der Mai bot viele Kulturveranstaltungen im Tal, die das Gegenteil einer solchen Lähmung waren. Da war die Wuppertaler Literaturbiennale, die das Thema „Wut“ in etwas sehr Konstruktives verwandelt hat. Die Wut wurde aus den Social-Media-Kommentarspalten, aus den Bäuchen und aus der „Schmuddelecke“ geholt, in all ihren Facetten auf den Tisch gebracht und konstruktiv diskutiert. Am Finale der Literaturbiennale mit Wuppertaler Akteuren im Loch kam all diese Wut zusammen – von Frauen, von Menschen mit Migrationsgeschichte, von queeren Menschen, von älteren Schriftstellern und jüngeren Autorinnen –, aber es war kein wütender Tag, sondern ein anregender Tag voll ungeahnter Blicke über den eigenen Tellerrand, oder, um es mit den Worten eines nach elf Stunden Literatur euphorischen Buchhändlers zu sagen: „Diesen Tag werde ich noch lange in Erinnerung behalten.“ Da war die Ausstellung „Jetzt“ mit zahlreichen Begleitveranstaltungen in der Barmer Kunsthalle zum 100-jährigen Jubiläum der Wuppertaler Gedok mit den Beiträgen von Künstlerinnen, Autorinnen und Musikerinnen. Die Gedok setzt sich seit ihrer Gründung 1926 durch Ida Dehmel für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen ein. In einer Zeit, in der manche Gruppierungen Frauen lieber wieder ausschließlich am Herd sähen, wichtiger denn je. Da war die Oper „Tuffi“, in der knapp 60 Kinder und Jugendliche auf der Opernbühne standen und singend und spielend zu den Klängen des Sinfonieorchesters die Geschichte des Elefanten, der aus der Schwebebahn fiel, dem Publikum näherbrachten. Die große Bühne des Opernhauses alleine bespielt von den Opernclubs Kids und Jugend, den Kindern eine Bühne geben – das ist ein Statement in Zeiten maroder Schulen, starker Sozialkürzungen und dem Gefühl vieler junger Menschen, nicht gehört zu werden. Vielleicht haben Sie auch selbst in den letzten Wochen ein ähnliches Kulturerlebnis gehabt? Eine Kollegin berichtete mir, wie bewegend und empowernd das tänzerische Zusammenspiel zwischen Profis, Amateurtänzerinnen und Aktiven vieler Kulturen bei „The Silent Waltz of the Many“ im Pina Bausch Zentrum under construction gewesen sei. Solche Beispiele gibt es in unserer Stadt genug. In den letzten Tagen ist es sommerlich warm geworden. Zeit, um Schichten abzulegen. Auch Schichten der Angst. Und sich stattdessen lieber von Kultur einhüllen zu lassen. Vielleicht mit einem Stadtspaziergang vorbei an den zahlreichen Murals des Urbanen Kunstraum Wuppertal, mit einem Konzert in einem der vielen kleinen Kulturorte oder mit dem Genuss von gesprochenen oder gespielten Worten. Kultur hinterlässt keinen Panzer, der uns schützen kann, aber sie kann Spiegel oder Gegenpol unserer Ängste sein und uns resilienter machen. Starten wir also in den Juni mit den vielfältigen Kultur(ge)schichten in unserer Stadt! Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de 24