Brief an den neuen Kulturdezernenten Die freie Szene Wuppertals – ein Fall zum Verlieben / 8. Juli 2026 Lieber Herr Lippe-Weißenfeld, Herzlich willkommen in Wuppertal! Leider haben wir es noch nicht geschafft, uns persönlich kennenzulernen – deshalb schreibe ich Ihnen einen Brief. Sie sind neu hier. Ich bin es eigentlich auch – zumindest in der Kulturszene. Noch nicht lange genug da, um alles zu verstehen. Ein paar Dinge habe ich aber schon gelernt und möchte sie gerne mit Ihnen teilen. Kati Trempler - Foto: Line Beckmann Die freie Szene Wuppertals ist schwer zu beschreiben. Wir sind groß und bunt, manchmal chaotisch, gelegentlich anstrengend. Wir mögen es nicht, wenn über uns gesprochen wird, statt mit uns, wir produzieren mit erstaunlich wenig Geld erstaunlich viel Schönheit und Begegnung. Und wir haben unsere Arme immer weit geöffnet. Sie haben Ihrem Bereich den Arbeitstitel eines Dezernats für gesellschaftlichen Zusammenhalt gegeben. Ich mochte diesen Satz sofort, auch wenn ich den sozialen Bereich darin gedanklich immer mitlese. Ich mochte ihn vor allem, weil Zusammenhalt in meinen Augen die Aufgabe der Zukunft darstellt. Das mag ich an der freien Szene, denn egal wie unterschiedlich wir sind, für das Große und Ganze ziehen wir an einem Strang. Auch habe ich bereits vieles über das künftige Pina Bausch Zentrum gelernt. Unter anderem, worin seine eigentliche Größe liegt: Das ursprüngliche Hilterhaus-Konzept dachte das Zentrum nicht nur als Ort internationaler Strahlkraft, sondern als offenen Begegnungsraum, mit dem Forum Wupperbogen als Bürgerforum, als Ort für Austausch und die Stimmen dieser Stadt. Die Förderung kam nicht nur wegen des Namens Pina Bausch, sondern auch wegen der Idee, dass Kulturorte zugänglich sein und Stadtgesellschaft abbilden sollen. Das Spannendste am Pina Bausch Zentrum ist vielleicht nicht, wer dort auftritt — sondern wer sich dort eingeladen fühlt. Wuppertal ist eine superdiverse Stadt. Hier leben Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien, Einkommen, Sprachen und Lebensrealitäten. Deshalb sollten wir uns nicht nur fragen, wie Kultur als Standortfaktor genutzt werden kann. Sondern auch, welche Kultur Wuppertal eigentlich braucht? Welche Kultur erreicht die Pflegekraft nach der Schicht, die Busfahrerin, die Alleinerziehende – all jene Menschen, ohne die unsere Stadt ziemlich schnell stillstehen würde? Und jene, die unsere Fachkräftelücke (laut Bundesagentur für Arbeit sind das jetzt schon 1400 Stellen) irgendwann schließen könnten? Und nicht zuletzt: Als der Rat am 7. Mai über die Förderung der freien Szene entschied, war das zunächst ein starkes Signal: Rund 85 Prozent der beantragten Zuschüsse wurden bewilligt. Das ist ein Grund zu feiern. Drei Institutionen blieben dennoch außen vor, darunter zwei inklusive Ensembles. Rund um diese drei Einrichtungen kursieren inzwischen Erzählungen, die ich zumindest einmal richtigstellen möchte: Die Anträge wurden fristgerecht eingereicht. Sie wurden zweimal im Kulturausschuss beschlossen. Sie sind nicht doppelt finanziert. Und sie erfüllen die Kriterien der institutionellen Förderung. Ich sage das nicht, um nachträglich Empörung zu organisieren. Sondern weil Sprache Wirklichkeit schafft. Wenn wir anfangen, strukturelle Lücken als formale Versäumnisse der Betroffenen zu erzählen, wird aus einem politischen Problem schnell ein vermeintliches Verwaltungsproblem. Ich glaube nicht, dass diese Einrichtungen bewusst gestrichen wurden. Ich hoffe eher, dass sie schlicht vergessen wurden – weil Vergessen korrigierbar ist. Wuppertal wäre jedenfalls schlecht beraten, ausgerechnet dort Lücken zu lassen, wo Kultur durch Inklusion Teilhabe ermöglicht. Denn: Wer ist mit gemeint, wenn wir von gesellschaftlichem Zusammenhalt sprechen? Kultur für alle klingt freundlich – ist aber radikal. Ich wünsche mir sehr, dass Sie Kultur nicht nur verwalten, sondern schützen – besonders dort, wo sie fragil, unbequem und unverzichtbar ist. Und ich wünsche mir sehr, dass Sie sich ein wenig in diese freie Szene verlieben. So wie ich. Herzlich willkommen in Wuppertal. Feedback gerne an ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen 82