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Das Leben als Baustelle

Mitwirken am „Wuppertal-Plan“ zwischen Selbstwirksamkeit und Zweifel // 6. Mai 2026

Von Torsten Krug

Wenn ich mich dieser Tage mit dem Fahrrad von Unterbarmen nach Elberfeld durchschlage, auf Umwegen über die B7 um mein Leben bange, hier und da mit mutigen Mitfahrenden Wege diskutiere, bleibt mir als Trost der Gedanke, dass ich all diese Umwege und Gefahren auf mich nehme, um bald schon die neue Fahrradstraße entlang des Wupperufers genießen zu können. Tatsache bleibt: Das Fahrradfahren im Tal bleibt ein riskantes Abenteuer, bei dem ich mich oft frage: So wollen wir also zusammenleben? So soll unser gemeinsamer öffentlicher Stadtraum aussehen, den wir finanzieren und mitgestalten?

 

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

„Das Leben ist eine Baustelle“, hieß Ende der Neunzigerjahre ein Film von Wolfgang Becker und Tom Tykwer – „ein bemerkenswert anregender Versuch, Alltagswirklichkeit und das Schwinden sozialer Beziehungsmuster im Medium der Komödie zu reflektieren“, so das Lexikon des Internationalen Films. In Wuppertal und in ganz NRW sprießen die Baustellen gerade wie die Natur. Das kann nerven und bringt mich manchmal verspätet ans Ziel, doch Baustellen tragen – wie der Frühling – auch ein Versprechen in sich: Alles wird besser. Irgendwann werden wir unsere schöne Stadt voller Grün und Schatten, sicherer Wege und Orte der Gemeinschaft haben. Nicht umsonst faszinieren uns Baustellen von Kindesbeinen an.

Im April hatte die Oberbürgermeisterin gut hundert Menschen aus der Stadtgesellschaft eingeladen, einen Vormittag lang gemeinsam über den sogenannten „Wuppertal-Plan“ zu diskutieren. Auch zwei unserer Kolumnistinnen und ich durften teilhaben an diesem Austausch mit einem Querschnitt aus Wirtschaft, Sozialem, Kultur, Bildung, Nachhaltigkeit und Gesundheit. Unterschiedliche Interessen und Perspektiven wurden schnell deutlich, doch schien uns der Wunsch zu verbinden nach einem sicheren, friedlichen Zusammenleben in einer Stadt, die ihre Potenziale erkennt. Mitarbeitende aus der Verwaltung betreuten Arbeitsgruppen, und es fiel auf, wie gut sie sich auf ihre Themen, aber auch auf deren Aufbereitung und Kommunikation verstanden. Unter den Teilnehmenden waren auch solche, die schon unter Oberbürgermeister Jung, Mucke oder Schneidewind manchen Plan mitdiskutiert hatten und den Wunsch artikulierten, sie mögen doch einmal in die Tat umgesetzt werden, egal, wer gerade Oberbürgermeisterin sei. Ein Zweifel beschlich uns am Ende, als die Frage, wann und wie unsere Anregungen in einer Art Soll-Ist-Abgleich wiederzufinden sein würden, leider unbeantwortet blieb. Das Leben bleibt eben eine Baustelle.

Ein positiver Aspekt daran ist sicher das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Wir alle, die wir dort zusammenkamen, waren bereit, mitzugestalten, die Perspektive der anderen wahrzunehmen und miteinander ins Spiel zu bringen. Gleichzeitig stellte sich wie immer die Frage der Repräsentanz: Bilden wir Wuppertal ab? Die Idee von per Los zusammengestellten Bürgerräten kam mir in den Sinn. Deren vielfältige Zusammensetzung ist ja ihre besondere Stärke. Untersuchungen zeigen, dass eine Gruppe ganz unterschiedlicher Menschen zu besseren Lösungen kommt als eine Gruppe von einander ähnlichen. Die Möglichkeiten der Beteiligung der Wuppertalerinnen und Wuppertaler auf allen Ebenen sollten jedenfalls Schule machen.

Derzeit kann keine unserer Kolumnen schließen ohne den Verweis auf die freie Kultur, deren Perspektive oft wie ein Prisma so viele andere enthält. Sie steht aktuell massiv unter Druck. Die Stadt sollte alles daransetzen, einen ihrer größten Schätze zu bewahren – oder überhaupt erst zu heben.

Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de

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