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Kein Streit ist auch keine Lösung

13. April 2022

Von Thorsten Krämer

Vor ein paar Tagen habe ich eine aktuelle Folge von „Chez Krömer“ geschaut. Zu Gast war Deniz Yücel, Journalist und Präsident des deutschen Pen-Zentrums. Schon bald nahm das Gespräch eine unerwartete Wendung: Yücel weigerte sich, über seine Haft in der Türkei zu sprechen, die nun schon einige Jahre zurückliegt. Krömer wiederum wollte sich die Gründe für diese Weigerung zunächst nicht anhören; für einen langen Moment sah es so aus, als würde die Sendung komplett aus dem Ruder laufen. Aber das tat sie nicht. Die beiden redeten weiter, immer wieder gerieten sie kurz aneinander, dann sprachen sie beide gleichzeitig und es war nicht gerade einfach, ihnen zu folgen. Trotzdem erfüllte mich zunehmend eine Art von Begeisterung.

Thorsten Krämer - Foto: privat
Thorsten Krämer - Foto: privat

Nun ist es ja nicht so, dass in Talkshows immer eitel Sonnenschein herrscht; häufig fallen sich dort die Gesprächsteilnehmenden ins Wort, entsteht ein akustisches Durcheinander. Doch während in anderen Shows so häufig das bloße Rechthaben wollen vorherrscht, ging es bei Krömer und Yücel tatsächlich um etwas. Was ich beobachten konnte, war ein echtes Ringen um Standpunkte, ein Streiten, das kein Selbstzweck oder Ritual ist, sondern dem Ernst der Sache geschuldet.

So etwas ist selten geworden, nicht nur im Fernsehen, sondern auch anderswo. Die Sozialen Medien genießen in Deutschland einen besonders schlechten Ruf. Nicht nur die dort munter verbreiteten Fake News tragen zu diesem schlechten Ruf bei, sondern auch der oft gar nicht soziale Umgang miteinander. Konflikte eskalieren schneller, als wenn man sich am Tisch gegenübersitzt, und besonders anonyme Profile neigen gerne zur verbalen Enthemmung. Das alles ist nicht schön, aber was wäre die Alternative? Das bloße Vermeiden von Konflikten löst diese nicht, wie der Krieg gegen die Ukraine gerade auf besonders bittere und brutale Weise zeigt. Nicht die Sozialen Medien sind das Problem, sie legen das Problem nur offen: Es gibt in Deutschland keine ausreichende Kultur der Auseinandersetzung.

Wir können uns höflich darauf zurückziehen, dass jeder/jede halt seine/ihre eigene Meinung hat; oder wir sind beleidigt, dass wir nicht recht bekommen, und beleidigen im Gegenzug unser Gegenüber. Dazwischen gibt es wenig, aber genau in diesem Dazwischen findet die eigentliche Auseinandersetzung statt.

Das Dazwischen ist auch ein Ort, an dem freie Künstlerinnen und Künstler häufig agieren. Sie sind Teil der Gesellschaft, aber machen auch immer wieder einen Schritt aus ihr heraus, um eine andere Perspektive zu bekommen und der Gesellschaft damit eine Möglichkeit zur Selbstreflexion zu bieten. Sind sie deshalb versierter in der Kultur der Auseinandersetzung? Das wäre schön, aber aus eigener Erfahrung kann ich das leider nicht bestätigen.

Nein, auch für die freie Kunstszene gilt: Kommunikation ist nur in den seltensten Fällen klar und eindeutig, meistens ist sie ziemlich chaotisch. Das strengt an, und es braucht Möglichkeiten des Rückzugs. Auf Dauer aber kann eine solche Szene, kann auch die Gesellschaft nicht bestehen, wenn wir nicht in Kontakt bleiben – und zum Kontakt gehört der konstruktive Streit. Denn bei existenziellen Themen ist es durchaus angemessen, emotional zu werden, dem Gegenüber zu signalisieren: „Hier geht es um etwas Wichtiges, und es ist mir nicht egal, wie du dich dazu verhältst.‟ Genau diese Haltung brachte mich bei Krömer und Yücel auf einen Gedanken: Erst wenn uns alles egal ist, können wir aufhören zu streiten. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt!

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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