Man erntet, was man sät Cultura bedeutet Bebauung, Bearbeitung, Bestellung und Pflege // 16. OKtober 2024 Daniela Höhmann Heute war Kartoffelernte in unserem Garten. Die Ernte ist immer ein höchst beglückendes Ereignis für mich. Gerade die Ernte von Erdäpfeln ist so eine Art Schatzsuche im Acker. Der Stolz der Gärtnerin wächst mit jeder Knolle, die in den Eimer wandert. „Man erntet, was man sät“ – aber die Saat ist eben nicht alles. Bei der Ernte zeigt sich, wie gut man sich in der Wachstums- und Reifephase um die Zöglinge gekümmert hat. In diesem Jahr gab es in unserem Garten offenbar für einige Gewächse optimale Bedingungen: 50 Gurken, wow! Dabei gibt es Faktoren, auf die man keinen Einfluss hat, wie Wetter, Schädlinge oder Krankheiten. Und natürlich welche, die man sehr wohl beeinflussen kann. Endlich habe ich es beispielsweise in diesem Jahr geschafft, die Kartoffeln nach dem Austreiben mit Erde anzuhäufeln. Das hat in diesem Jahr zu so vielen Kartoffeln wie nie geführt. Daniela Höhmann - Foto: Katja Velsmans Kultur lebt also von viel mehr als nur vom Säen und Gießen. Der lateinische Begriff „cultura“ bedeutet ursprünglich Bebauung, Bearbeitung, Bestellung und Pflege. Übertragen heißt das: Kultur muss bestellt, gepflegt, entwickelt und kontinuierlich gestaltet werden. Bearbeiten, genau hinhören, beobachten und Gespräche führen: So nimmt man eine andere Position ein. Nicht nur die eigenen Gedanken zählen, sondern auch die Stimmen und Geschichten anderer. Wir dokumentieren und ordnen diese Stimmen ein, um ein Gesamtbild zu schaffen. Wenn in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit und Haushaltskürzungen, veränderter Förderprioritäten, Schließung und Umstrukturierung von Kulturinstitutionen und Kürzungen von Projektförderungen und Stipendien immer mehr an Saat eingespart wird, kann man sich ausrechnen, was man kuratieren und schließlich als Ernte einfahren kann: wenig bis gar nichts. Der Begriff Kurator leitet sich vom lateinischen „curator“ ab, was Pfleger oder Vertreter bedeutet. Das Verb „curare“ heißt Sorge tragen oder sich kümmern. Zurück zur Kartoffel: Ob man alle Knollen findet, stellt man spätestens im nächsten Jahr fest, wenn die im Acker verbliebenen neu austreiben und Pflanzen bilden. Das macht Hoffnung: Kulturprojekte finden den Pfleger, den sie brauchen. Als ich vom Ende des Magazins „die beste Zeit“ erfuhr, war die Idee schnell da: Das Medium muss weiter bestehen. Denn „die beste Zeit“ ist so ein Kurator und Pfleger – oder wenn Sie so wollen, die Gärtner – der Kulturszene. Die Aufgabe ist es, sich um Kultur zu kümmern, zu repräsentieren und die kulturelle Vielfalt zu fördern, eine Plattform zu bereiten, insbesondere auch für die freie Szene. Das Ziel ist es, Sichtbarkeit, Öffentlichkeit und Diskurs zu verschaffen. Dabei ist Kontinuität gefragt: Genauso wie in einem Garten, muss dieser Acker dauernd bebaut, bearbeitet, bestellt und gepflegt werden. Es trägt dazu bei, verborgene Schätze zu entdecken und einen umfassenden Einblick in verschiedenste kulturelle Themen zu bieten. Ohne curare geht es in der Kultur nicht. Dann verkümmern die kulturellen Gewächse und man erntet nichts – sofern man vorher überhaupt die Saat ausgebracht hat. Die Kulturszene ist stark im Wandel; aus meiner Sicht war sie das aber schon immer. Globalisierung, kulturelle Diversität, Nachhaltigkeit, Klimabewusstsein, technologischer Wandel – insbesondere auch durch KI – sowie die Nachwirkungen von Corona sind Themen, die die aktuelle Kulturszene prägen. Das bewirkt sowohl kreative als auch gesellschaftliche Entwicklungen. Genug zu tun also für die Kulturschaffenden – und natürlich für die Gärtnerin. Ihr Feedback an kolumne@fnwk.de 244