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Die Welt mal kurz kopfüber sehen

Ob einsam oder im Gedrängel: Dichtung hilft // 9. Februar 2022

Von Max Christian Graeff

Fast war es im großen Scheppern nicht zu hören, und doch klang ein besonderes Ereignis durch den Kleingarten: Der Winterwind hatte das Meisenhäuschen vom Haken gehoben und es zehn Meter weiter kopfüber auf dem Hügelbeet zerkrachen lassen. Was hätte meine hochbetagt verblichene Tante Helga wohl spontan zitiert? Wie so oft Rilke? „Wer jetzt kein Nest hat, baut sich keines mehr …“ – Nein, der Fauxpas der falschen Jahreszeit wäre ihr nie unterlaufen.

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

Vermutlich wäre sie expressionistisch geworden, mit Jakob van Hoddis’ „Weltende“ von 1911: „Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen / an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. / Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. / Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Nun bin ich froh, dass mir beim Einsammeln der Trümmer kein Kind zuhört. Dieses ständige Zitieren bildungsbürgerlicher Verse ging mir einst gehörig auf die Nerven und steckt doch tief im Gemüt. Nichts anderes ist es vermutlich, wenn heute in der S-Bahn die Kopfhörerkinder plötzlich Wortfolgen spitten und wilde Punchlines röhren, die zwar irre dirty klingen, sich nach Entschlüsselung aber auch nur als lieb bis spießig erweisen. Mit dem Unterschied, dass sich das, was ich davon verstehe, meistens um das eigene Befinden dreht, ums Optimum und darum, Recht zu haben.

Mehr als das Erkunden des Unbekannten scheint die Erhaltung des Gewohnten zu zählen, was bei dem breiten Bedrohungspanorama für junge Leben verständlich ist – auch, wenn ich mir von der inzwischen ranzigen Warte aus ein viel krasseres kulturelles Randalieren herbeiwünsche. Geblieben ist die Verortung des eigenen Erlebens in der Literatur und die der Dichtung im eigenen Dasein. In welcher Gesellschaft und Medienlandschaft auch immer: Das literaturgetriebene Imaginieren spielt eine entscheidende Rolle, gerade in einer Zeit der Vereinzelung und des reduzierten persönlichen Austausches.

Obwohl mir körperliche Verdichtung unangenehm ist, träume ich nun öfter vom Geschubse im Foyer, von Galeriegedrängel und Parfumschweiß, sogar von Rempeleien auf der Tanzfläche. Was fehlt, ist nicht nur das eigentliche Werk der Kunst, sondern das Drumherum, mitsamt dem alleine schon von der Anwesenheit anstrengender anderer Menschen erschöpften Heimkommen in die reflektierende Stille. Dieses heimliche Kräftemessen, sich Zeigen und Vergleichen, nicht als Hervorhebung des Ich, als selbstgerechte Singularität wie in manch asozialen virtuellen Räumen, sondern als Partizipation und stetige neue Verabredung mit anderen Leben. Es ist wieder da, doch mit Abstand fällt es schwerer.

Geschrieben wurde allerdings – zum Beispiel auch in der Schreibwerkstatt der Volkshochschule – während dieser zwei Jahre ausgesprochen viel, und manche auch noch Unerfahrene stiegen besonders mit den leidigen Fragen um das Selbst mutig in die Schiffsschaukel ihrer imaginären Kirmes und trainierten Handwerk und Kondition in die Höhe. Sie müssten nun mal hinaus ins Gedrängel, um ihre Texte an die Zuhörer zu bringen. Vielleicht gelingt es ja zur sechsten Wuppertaler Literatur Biennale, geplant vom 3. bis zum 10. September? Dafür ist aber noch das weitere Durchbeißen gefragt, denn trotz nahender Erleichterung bleibt der Fallzahlen- wie der Medaillenspiegel unberechenbar. Die gemeinsame Kraft, die Schiffsschaukel zum Überschlagen zu bringen, kam bisher im Ich-Geschrei nicht zustande. Wer nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, dort oben vor der Abfahrt kurz kopfzustehen, dem hilft nebenbei (neben dem Impfen) nur die Literatur.

Anregungen oder Kritik: kolumne@fnwk.de

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