Droht Wuppertal ein Kulturverlust? Zwischen Kürzungen und Verzögerungen // 26. Februar 2026 Von Kati Trempler Kultur existiert nicht nur um ihrer selbst willen. Sie erfüllt eine Aufgabe – und zwar eine größere, als ihr oft zugestanden wird. Kultur ist Wirtschaftsfaktor, Standortargument, Bildungsangebot und Seelentrösterin in einem. Sie bietet anspruchsvolles Programm für jene, die sich gern herausfordern lassen. Sie bietet Unterhaltung und Ablenkung in Zeiten, in denen die Nachrichtenlage eher zu Angst als zu Zuversicht führt. Und sie schafft Zugänge für Menschen, deren Barrieren sich mit Mitteln der Kunst leichter überwinden lassen als mit Formularen. Kati Trempler - Foto: Line Beckmann Kulturverlust – ein Wort, das ich mir bei Lutz-Werner Hesse geliehen habe. In seinem Gastbeitrag in der WZ im Januar beschrieb er damit, als Reaktion auf die Abwahl des Kulturdezernenten Matthias Nocke, den Rückgang sinnstiftender, respektvoller Debatten auf der politischen Bühne. In Wuppertal allerdings bekommt der Begriff Kulturverlust eine zweite, sehr handfeste Bedeutung. Hier bröckelt nicht nur der Ton, sondern die Struktur. Die Lage der Kultur ist – nicht zuletzt nach der Abwahl des Kulturdezernenten – höchst fragil. Wo früher wenigstens ein politischer Kopf sichtbar zuständig war, herrscht ab dem 28. März 2026 vorläufige Verwaltung. Die Kultur selbst wurde verteilt auf mehrere Dezernentinnen und die Oberbürgermeisterin. Am vergangenen Dienstag durfte die freie Szene im Kulturausschuss der Stadt Wuppertal ihre Lage schildern. Zahlen helfen ja bekanntlich bei der Versachlichung. In diesem Fall helfen sie vor allem beim Erschrecken: Gemessen am Gesamthaushalt sinken die Ausgaben für Kultur im Vergleich zu 2010 um rund 19 Millionen Euro. Das ist keine kleine Delle, das ist ein struktureller Rückbau. Die Erhöhungen der geforderten Zuschüsse wurden zwar vom Kulturausschuss beschlossen und direkt an den Rat der Stadt weitergegeben – dies allein bedeutet aber noch lange nicht, dass sie auch Eingang in den Haushalt finden. Dabei muss man eines deutlich sagen: Die geforderten Zuschusserhöhungen bedeuten keine Expansion. Sie verhindern lediglich den weiteren Abbau. Inflation, steigende Personalkosten und wachsende Betriebsausgaben haben in den vergangenen Jahren ihre Spuren hinterlassen. Wer jetzt von „Mehr Geld für Kultur“ spricht, meint in Wahrheit: weniger Verlust. Umso erstaunlicher ist die Logik der Kürzungen. Denn wenn Kultur all das leisten soll, müsste sie handlungsfähig bleiben. Eine Stadt schwächt ja auch nicht ihre Brücken und wundert sich anschließend über Verkehrsprobleme. Dennoch wird genau das getan: Man spart an der Substanz und erwartet weiterhin Strahlkraft. Im Stadtrat wurde vorgestern die Verabschiedung des Haushaltsbeschlusses um sechs Wochen verschoben. Das bedeutet konkret, dass alle Entscheidungen über Zuschüsse und dringend notwendige Erhöhungen erst im Oktober umgesetzt werden. Für viele kulturelle Einrichtungen bedeutet das nicht nur einen Aufschub, sondern eine Existenzbedrohung. Einige dürften diese Zeit nur mit viel Idealismus überstehen. Wie erwartet, wurde der Antrag der AfD, das Kulturdezernat aufzulösen und seine Aufgaben samt Ordnung, Sicherheit und Sport auf die übrigen Dezernate dauerhaft aufzuteilen, mehrheitlich vom Stadtrat abgelehnt. Bis zum Sommer dieses Jahres soll die vakante Stelle neu besetzt werden – leider ohne Beteiligung von Kulturakteurinnen. Uns bleibt die Hoffnung, dass mit der Neubesetzung auch die Beteiligung der kulturellen Szene am geplanten Kulturförderplan – wie in der Kooperationsvereinbarung von SPD und CDU beschlossen – gelingt. Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Lebendige Kontinuität und Teilhabe mit Kultur 49