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Prüfungsangst vor der Postpandemie

Es ist Zeit, auch die Hüpfburgen des Geistes wieder aufzublasen // 5. Mai 2021

Von Max Christian Graeff

Eigentlich ist es frech, eine Kolumne mit "eigentlich" zu beginnen, aber … eigentlich wollte ich heute, nach weit über einem Jahr der gebremsten Schaumentwicklung, mit einer mehr optimistischen als satirischen Betrachtung des "World Happiness Report" beginnen, einer globalen Auswertung des Netzwerks für nachhaltige Entwicklung innerhalb der Vereinten Nationen, der UNO. In dieser Hitparade der Glücksseligkeit steht unser Land mit beständigem Aufwärtstrend im oberen Zehntel des Ländervergleichs. Doch dann beschäftigte ich mich mit den Gerechtfertigkeiten dahinter, speziell mit den Faktoren "Vertrauen" und "Gelassenheit", und schon legte sich eine Stimmung aus Blei über den Schreibtisch …

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

Am Wochenende soll es wärmer werden und die Schlagzeilen locken mit Lockerungen, Urlauben, Zahlenstürzen und Grundrechtsneid-Debatten. Wer darf wo wann was für wen und wierum? Die Öffnung liegt im Wettbewerb, wohin man auch liest; es wird feintariert und ausgewrungen und das Gerangel an den Startlinien ist groß. Das ist ungemein verständlich bei allen, deren Existenz auf dem Spiel steht, doch ich selber, still und heimlich, fühle mich noch gar nicht weit genug, um Freiheiten vorzufeiern und Erleichterung zu imaginieren, während die mit Geretteten voll beladene Sea Watch auf der Suche nach einem Hafen kaum mehr wahrgenommen wird und das egomanische, rassistische und nationalistische Potenzial der habenden Länder im Seuchenjahr nochmals erschreckend Land gewinnen konnte.

Weder als schreibender Schrebergärtner auf den Hängen der Geisteswissenschaft noch als nebenberuflicher Kleinkunstbühnen-Firlefanz bin ich schon bereit dafür, dass alles wieder so befeiert wird "wie früher". Natürlich ist es dufte, dass in Wuhan wieder 11 000 Zuschauer beim »Strawberry Music Festival« abfeierten, und allen Metal-Fans, Saitenherstellern und Bierbrauern sei es mehr als gegönnt, dass "Wacken" vielleicht doch noch klar geht. Nur ich selbst habe Sorge, bis zum offiziellen Neustart nicht mit den Hausaufgaben fertig zu werden und trotz der langen Zeit keine brauchbaren Ratschläge und weiterführenden Erkenntnisse parat zu haben. Mir ist, als habe ich diese Lebenszäsur auf der Höhe der Leistungspflicht leichtfertig in der Sorge um das nächste Rauchwürstchen vergeudet. Denn mit meiner privaten, eher dunklen Summe der Erkenntnisse lässt sich in den neuen Feiern des Kulturbetriebs keinerlei Staat machen; sie sind im postpandemischen "anything goes" keinen Euro Eintrittsgeld wert.

Nicht einmal für den Austausch mit anderen Kulturtreibenden, denen es ähnlich geht, fühlte ich mich bereit, obwohl es ausgerechnet in unserer Stadt dafür außergewöhnliche Initiativen gibt: Der Solidarfond "EinTopf" hat nicht nur vielen KünstlerInnen entscheidend durch die Krise geholfen; parallel dazu wurde mit digitalen Kunstformaten, Diskursen und neuen Organisationsformen wie dem "Kulturrat" hart und ehrenamtlich an der Zukunft dieser Stadt gearbeitet. Dies sei beim Ich-Gejammer keinesfalls vergessen; im Gegenteil: In den wieder anschwellenden Ekstasen des Waren- und Unterhaltungskonsums wird die Arbeit darin liegen, an den permanenten Bruchstellen unserer "Happiness" weiterzuarbeiten, denn ein "danach" wird es nicht geben, nur ein "mit": Mit den durch das Virus-Ereignis zutage getretenen pandemischen Problemen unserer Gegenwart. Die praktizierte Kultur ist in der Maschinerie der öffentlichen Gesundheit ein unentbehrliches Zahnrad, das im Öffnungs- und Wahlkampftrubel weiterhin missachtet wird. Die Arbeit steht uns noch bevor.

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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