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Kunst und Kultur als wichtiges Korrektiv

11. Februar 2026

Von Torsten Krug

Hin und wieder gerät in diese Kolumne ein hoher Ton. Oft ist da von großer Weltpolitik die Rede, werden Zukunftsszenarien weit über unser Tal hinaus ersonnen oder gesponnen, Themen miteinander verknüpft, die sonst unabhängig voneinander betrachtet oder gar verschwinden würden. – Warum ist das so? Geht es an diesem von der Westdeutschen Zeitung eingeräumten Platz nicht eigentlich „nur“ um Kultur in Wuppertal, insbesondere um die freie Szene?

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

In den letzten Wochen und Monaten ist mir selbst erst richtig klar geworden, wie diese beiden Dimensionen – ich nenne sie mal das „Globale“ und das „Lokale“ – zusammenhängen. Zunächst: Kulturschaffende haben oft eine ausgeprägte seismographische Sensibilität für gesellschaftliche Erschütterungen und Verwerfungen. Wir haben es uns zum Beruf gemacht, divergente Wahrnehmungen miteinander in Tuchfühlung oder auch zum Clash zu bringen. Aus dieser Reibung entstehen Funken, im besten Falle: Kunst. Doch ein anderer Aspekt ist mir hier wichtig: In Zeiten politischen Umbruchs, in Zeiten wachsenden Autoritarismus, auch „nur“ in Zeiten, in denen unsere Politik hierzulande uns mehr und mehr in den Kategorien eines Wirtschaftsunternehmens beschreibt – in diesen Zeiten sind Kunst und Kultur das wichtigste und manchmal einzige Korrektiv.

Wenn zum Beispiel unser Bundeskanzler von uns als einem „Standort“ spricht und dabei verloren geht, dass wir doch eine Gesellschaft sind, können wir uns das bewusst machen – wie das gute Theaterstücke vermögen oder konkret die Gesellschaftswissenschaftlerin Maja Göpel in einer Diskussionsrunde getan hat. Noch spezifischer gilt das für die sogenannte freie Szene: Staatlich finanzierte Kulturinstitutionen sind bei einem autoritären Politikwechsel, wie ihn einige auch für dieses Land an die Wand malen, mit die ersten, deren Leitungen ausgetauscht werden. Institutionen und Künstlerinnen der freien Szene sind da resistenter und per se unabhängiger, mithin die wichtigste „Opposition“ in einem autoritär regierten Staat und werden aus eben diesen Gründen mit Leidenschaft verfolgt.

Es ist also kein Zufall, dass unsere Kulturarbeit hier in Wuppertal – und damit auch diese Kolumne – zwangsläufig immer wieder das uns alle belastende Weltgeschehen durchdringen.

Unmittelbar zur Zeit der grausamen Niederschlagung der jüngsten Proteste im Iran erreichte mich der Vorschlag von Hajo Jahn, Vorsitzender der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft und engagiert für verfolgte Künstlerinnen und Künstler, einen Abend mit Briefen einer im Iran lebenden Autorin zu gestalten, gelesen von der Schauspielerin Julia Wolff und im Gespräch mit dem deutsch-iranischen Künstler Mehrdad Zaeri. Am 26. April wird diese Veranstaltung in der INSEL stattfinden. Seither lese ich mit bebendem Herzen die mir zugesandten Briefe, von denen wir alle sonst niemals erführen: Erschütternde, rührende, ermutigende wie hoffnungslos stimmende Dokumente aus dem Epizentrum eines Prozesses, der mit den Bildern und Worten unserer Nachrichtensendungen nicht zu fassen ist – wenn er dort überhaupt noch vorkommt; auch die Nachrichten hinken den Ungeheuerlichkeiten hinterher, mal hier hin, mal dort hin.

Hier vor Ort haben wir (noch) das unfassbare Privileg und Glück, zusammenkommen zu können, einander berühren, aufrütteln und trösten zu können mit den Mitteln der Kunst. Dies ist, was eine Gemeinschaft von Menschen Menschen sein lässt und unser Leben sinnhaftig macht. – Und da war er wieder, der hohe Ton. Danke fürs Zuhören und Teilhaben.

Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de

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