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Perspektiven für ein Morgen

Gemeinsam der Erschöpfung entgegenwirken // 2. August 2023

Von Uta Atzpodien​

„Wer hat das Privileg, über die Zukunft nachzudenken?“, fragte die deutsch-türkische Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüşay auf der re:publica 2023. Auf der größten Digitalkonferenz Europas wurden letzten Juni in Berlin aktuelle Themen rund um den Fokus „Cash“, also Geld, bewegt. Gümüşays Vortrag, übrigens auch im Netz, geht von dem Traum einer Gesellschaft aus, in der alle gleichberechtigt sprechen und sein können. Dazu gehört, denen eine Stimme zu geben, die derzeit keine haben, auch den Pflanzen, Flüssen, Tieren, der Erde. Kümüsay startete mit Verweisen auf „Geflochtenes Süssgras“, einem Buch der nordamerikanisch-indigenen Autorin Robin Wall Kimmerer. Im Insel Kulturgarten hinter dem Café Ada hatte die Schauspielerin Silvia Munzón-Lopéz im Mai daraus gelesen.

Uta Atzpodien - Foto: Ralf Silberkuhl
Uta Atzpodien - Foto: Ralf Silberkuhl

Wie anders würde die Welt aussehen, wäre unser Handeln von mehr Dankbarkeit, Zuhören und Fürsorge geprägt? Häufig wurde dies verlernt, vergessen, nie gelernt. Wie könnte ein zukunftsfähiger Umgang mit der Erde, den Pflanzen und unter uns Menschen aussehen? Wie kann sich eine dazulernende, nicht privilegierte Kultur ausbreiten, die reflektierend, gar freudvoll der Erschöpfung des Planeten entgegenwirkt?

Die Menschheit hat unserem Planeten ganz schön zugesetzt. Der heutige Erdüberlastungstag hält uns einen schmerzhaften Spiegel vor Augen: Wir nutzen jährlich 75 Prozent mehr Ressourcen als die Erde nachbilden kann. Für 81 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes sind die G20-Staaten verantwortlich, allen voran die USA, China und die EU. In meiner zweiten Heimat Brasilien entsteht in São Paulo gerade eine Tava, ein Ort der Transformation, wie ihn die indigenen Gestalterinnen nennen. Es ist ein Museum der indigenen Kulturen und zugleich weitaus mehr.

Die indigene Pädagogin Christine Takuá hat eine aktuelle Ausstellung inhaltlich und künstlerisch kuratiert, die sich für den atlantischen Urwald engagiert. Sie erklärt: „Die Naturgewalten zeigen uns, wie wütend die Erdgeister sind. Lernen ist wichtig, Dialoge führen, insbesondere mit den Alten und der Natur, damit sich die Gesellschaft transformiert.“ Mit vielen Teilhabe- und Aushandlungsformaten hat sich das Tava auf den Weg gemacht.

Kürzlich bei einer kulturpolitischen Veranstaltung im Wuppertaler Visiodrom erklärte die Redakteurin der Zeitschrift „C&“, Julia Grosse, wie wichtig die Stimmen aus dem globalen Süden sind. Auch hier sind einige auf dem Weg: Decolonize Wuppertal, die Art Fam 7+ und so viele andere, die sich künstlerisch positionieren. Aktuell steht vom 9. bis zum 13. August das renommierte Tanzfilmfestival von Tanzrauschen an: Welche Perspektiven kommen hier zum Ausdruck? In der Europäischen Mobilitätswoche, vom 16. bis zum 23. September, regt eine KulturKlimaTour quer durch die Stadt an, sich mit Kunst und zukunftsfähigen Bewegungsarten an der Mobilitätswende zu beteiligen.

Auch wenn Veränderungen oft noch schleppend sind, kann ein „Dennoch!“ neuen Schwung geben. So heißt übrigens ein Film, vom Bundestagsabgeordneten und kulturpolitischen Sprecher der SPD Helge Lindh initiiert, der am 9. August in der Börse zu Belangen der Freien Szene gezeigt wird und zum Austausch einlädt. Auch hier Augen auf: Wie manifestieren sich künstlerische Stimmen? Was bewegt? Welche Ansätze wirken der Welterschöpfung entgegen – gar gemeinschaftlich mit erfrischend anderen und zukunftsfähigen Perspektiven?

Feedback willkommen: kolumne@fnwk.de

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