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Für welches Leben lernen wir?

Ohne Sprache und Austausch ist die Zukunft auf Sand gebaut // 18. August 2021

Von Max Christian Graeff

Yeehah, es geht los! Die großen Ferien vergingen wie im Fluge und haben das Wort Sommer kaum verdient. Da treffen sie sich nun wieder gut verhüllt an der Bushaltestelle und das große Geschnatter beginnt: Wer war diesmal wo nicht oder trotzdem? Wie habt ihr euch durch die Kontrollen getrickst? Und stell dir vor: Dem dicken Moritz aus der 8b ist von Moderna der ganze Arm abgefallen, gleich an der Schulter, ich schwör! Der hat jetzt ’n Attest und muss nie mehr mitschreiben!

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

Es gibt viel zu besprechen in diesen Tagen: Olympia, die abgeschalteten Umarmungen bei Fortnite, die Empörungen der Eltern über irgendwas mit Diktatur und natürlich die generelle Schuld bestimmter Menschengruppen an einfach allem. Quer durch den Garten geht die Tour, und auch der Unterricht wird theoretisch eine Flutwelle von Themen aufzuarbeiten haben, viel höher als jede Möglichkeit: die Brände und die Fluten, die Fluchten und Ergreifungen von Macht, das Lachen und Lügen jener Plakatgesichter, die es irgendwann zu wählen gilt, von wem auch immer und wofür, und, ach ja, irgendwas mit Klima auch. Zu viel, um zu denken; zu wenig zum Hoffen. Und so gibt es immer mehr, die entmutigt, verzweifelt oder gelangweilt einfach schweigen. Nicht nur Lernende, auch Lehrende und Schreibende.

Nicht die publizierenden Schriftsteller sind gemeint, die ihrem Werkplan folgen und in den kaum sichtbaren Veränderungen des Büchermarktes in der Pandemie ihre eigenen Sorgen haben. Ich denke an jene, die das Schreiben als eigene, private und manchmal auch unsichtbare, heimliche Kunst pflegen, ganz unabhängig von den Leistungsprinzipien in Schule, Markt und Kulturbetrieb. Gleich, ob sie welt- oder nur selbstbezogen, elaboriert mit historischem Hintergrund oder lediglich in der unermesslichen Weite des Fantastischen schwebend arbeiten: Ihr Schreiben (sogar, wenn es sich nur im Wollen erschöpft) ist ein tragender Balken unserer Kultur und der zukünftigen Geschichte, denn es hält unsere komplizierte Gegenwart fest und trägt dazu bei, im Durcheinander der Empfindungen eine eigene, vielleicht besser verstehende Linie zu finden, was unmittelbar ins private oder familiäre Umfeld wirkt.

Auch jenseits aller sogenannten Kunst ist das Schreiben immens wichtig: auch für jene aus anderen Kulturräumen Kommenden, die sich neu in unserer Sprache orientieren müssen, um in der hiesigen Gesellschaft zu überleben und zu arbeiten. Damit sind wir wieder beim Schulbus: Heute startet auch das Semester der Erwachsenenbildung, und normalerweise wären die Foyers und Cafés der Volkshochschulen und Einrichtungen von Austausch und heiterem Sprachengewirr erfüllt: Pflicht- und Integrationskurse, Fortbildungen, Beratungen und Diskussionen zu den Daseinsthemen, diverse Kochkurse aus zahllosen Heimatregionen in den Quartiers- und Gemeindezentren, Handwerks- und PC-Lehrgänge und ein ständiges Sprechen in Bussen und Foyers, all das sind Treppenstufen zu einem eigenständigen Leben und Wirken, die am Bildschirm, in der Nichtpräsenz, nur schwer zu begehen waren.

Nun, da sich schon sechs von zehn Menschen im Land zu einem sozialen, gemeinsamen Weitermachen entschließen konnten (obwohl dem Moritz der Arm abfiel, ich schwör!), wächst die Hoffnung, dass bald auch jenes ungemein hohe Gut der Erwachsenenbildung und der Willkommensarbeit wieder ins öffentliche Leben tritt – als unverzichtbarer Teil der freien Kultur und des Verständnisses einer verwirrenden Gegenwart. Ohne gelerntes Sprechen und Schreiben liegt eine bessere Zukunft ferner denn je.

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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