Der Blick in die Nachrichtenflut steigert den Durst nach Hoffnung Vorsatz für die Ferien: Der Ermüdung an der Welt jung entgegenzutreten / 15. Juli 2026 Max Christian Graeff Die Meisen zetern, das Rotkehlchen rastet aus und auch das Mauswiesel im Hügelbeet freut sich auf die Extraportion Regen über seinem Bau: Mein Gartensprenger pulsiert aber nur alle paar Abende und nicht sehr effizient, weil ich es morgens stets verpasse. Richtiger wäre das Gießen auf nachtkühlem Grund, bevor die Schule nebenan ihre zwitschernden Schüler empfängt – zumindest diese Woche noch. Nach dem Unterricht machen derzeit einige vorm Quartiersbüro an den Gratisbücherkisten halt. Manche nehmen was mit, nur weil es gratis ist, und werfen es eine Ecke weiter in die Hecke, doch andere bleiben lesend sitzen, bis die Mutter am Handy schimpft. Oft sind es Kinder aus Familien anderer Sprachen, die – im besten Sinne gierig – Deutsch lernen wollen und denen wir gerne nicht nur Thriller und Romanzen, sondern Geeigneteres rausstellen würden, doch können wir nur verschenken, was wir selbst geschenkt bekommen. Kinder- und Jugendbücher werden dabei seltener. Und zum großen Arrenberger Bücherrummel am letzten Samstag kam kein einziges Kind mit Familie vorbei. Ist es nur alternde Wahrnehmung oder steigt die Schwellenangst? Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini Morgens, während die Rasselbande der Ferienzeit entgegen schwitzt, versuche ich Erkenntnisse aus den Tagesnachrichten zu gewinnen. Der zentrale Satz für den Vorderen Orient – ach was, für unseren ganzen Kugelgrill – lautet weiterhin: „Die tatsächliche Lage vor Ort bleibt unklar.“ Blinde Flecken in der Orientierung breiten sich aus, die Hoffnungsschmelze wird flächendeckend, und Sommermärchen jedweder Art sind abgesagt. Daneben müssen wir auch noch Verzweiflungsreserven für diverse Herbstwahlen zur Seite legen. Ein unser Treiben zwinkernd betrachtender Sommerhit wie einst von Rudi Carrell („Mein Milchmann sagt: Dies Klima hier, wen wundert‘s, / denn Schuld daran ist nur die SPD!“) oder Righeira („Vamos a la playa“, gemeint war ein Besuch am atomverseuchten Strand) ist nicht in Sicht; zumindest höre ich ihn nicht. Das ist ein zentraler Umstand in der Frage, ob den Künsten, der Fantasie, der Vorstellungskraft nun doch mal die Kräfte ausgehen: So ist es nicht. Es ist zuerst der eigene resignierende Blick in die Nachrichtenflut, der weniger Spielraum für Gegengewichte zulässt als in jener ebenfalls gefährlichen Zeit, in der wir Alten jünger waren. Zur Kunst des Reifens gehört, der Ermüdung an der Welt stets jung entgegenzutreten. Nächste Woche beginnen an zahlreichen Orten der Stadt Ferienprogramme für Kinder aus vielen Ecken der Gesellschaft: Kleine, auf Zeit neu gemischte soziale Gruppen entdecken Fertigkeiten, Handwerke und die Natur; sie vergessen die digitalen Süchte und versinken im Augenblick. Auch viele Akteure der freien Kunst und Kultur leiten solche Expeditionen ins Unerwartete. So reich das Angebot im Tal auch ist: Es müsste noch viel besser ausgestattet sein, denn in solchen Kursen wird idealerweise ohne Druck und Noten Entscheidendes fürs Leben gelernt. Das Angebot für die Kultur des Wissenwollens erreicht immer noch viel zu wenige. Das Erweitern wäre ein kluges Investieren mit enormer Wertschöpfung. Wir brauchen mehr Berichte darüber, eine stärkere Neugier auf das, was wir Alten von den Kindern lernen können: Entdeckungslust ohne Nabelschau, Neuland im sonst verengten Raum und auch Kunst ohne bereits gelerntes Konzept. Und die Eltern? Gönnen Sie sich doch auch Ausflüge in den Kulturkalender, zum Beispiel zum Chansonkonzert von „Canaille du jour“ am ungewohnten und vor allem kühlen Ort: am 31. Juli in der Trinitatiskirche am Arrenberg, auf der Suche nach dem Sommerhit. Ihre Meinung wie immer an die E-Mail-Adresse ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Brief an den neuen Kulturdezernenten 181