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Zurück in die Zukunft

Von Torsten Krug

Bei uns zu Hause thront ein Stapel der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die neuesten Ausgaben liegen obenauf und werden seit gut einem Jahr mehr oder weniger zeitnah gelesen. Alle darunter bilden das Sinnbild einer Zeit, die angefüllt war mit Leben ohne Rast und Muße. Bis heute weiß ich nicht, wann das begonnen hat (ich habe die unterste Zeitung noch längst nicht erreicht), doch habe ich die Vorstellung, dass ich einst alle abgearbeitet haben werde und damit auch jene Zeit, in der (nicht nur) die Zeitungen sich stapelten. Das Lesen der alten Ausgaben ist übrigens durchaus erhellend. Gestern hatte ich eine vom Juni 2023. Bei einer Zeitung dieses Niveaus macht das fast nichts. Dazu wird sie plötzlich zu einer historischen Quelle. Auffällig in dieser Ausgabe war die Vielfalt an Umwelt- und Klimaschutz-Themen, begleitet von Bildern der sogenannten „Klima-Kleber“ – Themen, die in den aktuellen Ausgaben kaum vorkommen. Eine vom August 2022 machte mir wieder einmal bewusst, wie der Angriffskrieg Putins auf die Ukraine den kollektiven Albtraum der Pandemie mit all ihren unüberschaubaren Folgen überdeckte und uns wie gelähmt weiter taumeln ließ. Ich werde das alles anhand dieser alten Zeitungen aufarbeiten.

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Dazu passen zwei Lektüreeindrücke, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch untergründig verbunden scheinen: Zum einen lese ich mit Gewinn „Dienstschluss“ von Uwe Schneidewind – „Wie können sich Städte so wandeln, dass sie für die Zukunft gewappnet sind?“ Zum anderen liegt „Der Fürst und seine Erben“ von Peter Sloterdijk ganz oben auf einem der Bücherstapel, die hellsichtige Analyse eines neuen Typs Fürst. Die bloße Tatsache ihrer gleich mehrfachen „Präsenz auf der Weltbühne bedeutet einen Skandal für all jene, die überzeugt waren, moderne Gesellschaften seien lernende Systeme, die irgendwann aus dem imperialistischen Trotzalter herauswachsen sollten“. Hinter beiden Analysen steckt die große Frage, wie wir als Gemeinschaften selbstwirksam werden wollen.

Bei unserer letzten Teamsitzung in der INSEL fiel mir auf, dass wir in Bezug auf unseren Kulturort seit Langem das erste Mal wieder von Zukunft sprechen können. Ging es seit unserem Folgeantrag für die Institutionelle Förderung vor fast zwei Jahren vor allem ums Überleben und das Verwalten des Mangels, um Erschöpfung und mitten darin „Inseln des Gelingens“ (vgl. Schneidewind), so können wir jetzt mit einer gewissen Voraussicht gestalten. Zur Erinnerung: Anfang Mai hatte der Rat der Stadt die dringend notwendigen Erhöhungen der Institutionellen Förderungen überwiegend bewilligt – ein Paukenschlag und ein starkes Bekenntnis zur Zukunft unserer Stadtgemeinschaft. Zwar fehlt noch das grüne Licht der Bezirksregierung und haben wir keine Gewissheit, wann die Zahlungen kommen – Improvisieren bleibt also weiterhin Pflicht. Doch gibt die Erhöhung eine Perspektive – und mit ihr ein Gefühl der Verantwortung.

Der gestaltende Blick in die Zukunft ist für uns Menschen elementar. Ohne ihn geht es uns schlecht, werden wir krank, beherrschen uns Angst oder auch Wut. Die positive Erzählung einer (gemeinsamen) Zukunft ist das Beste, was uns passieren kann. Dazu gehört selbstverständlich, in die Vergangenheit zu schauen, quasi Schwung zu holen für die Zukunft, in der wir es besser machen wollen.

„Die Zukunft war früher auch besser“, das bekannte Bonmot von Karl Valentin scheint nach wie vor zwingend. Der Blick in die Fratze der neuen Fürsten kann lähmen. Es wird Zeit, ihnen endlich das Zepter aus der Hand zu nehmen.

Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de

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