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Reisende Gedanken zur Kunst der Arbeit

Mein Schreibtisch ist ein Hotel // 3. Juni 2026

Von Max Christian Graeff

Karneval, Ostern, Pfingsten – das waren Wimpernschläge im fliehenden Jahr; die Frühjahrssaison ist vorbei und in drei Monaten werden die Zimtsterncontainer entladen. Die Weihnachtsproduktion hat bereits begonnen und die Kulturorte verteilen die Programme der nächsten Spielzeit und werben um Abonnenten. Und manche der für Theater, Tanz oder Musik engagierten auswärtigen Kunstarbeiterinnen blättern zaghaft durch die Fremdenverkehrsreklame unserer Stadt, um zu wissen, wo sie gastieren werden und wie die Vorfreude zu temperieren ist.

Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini

Ein touristischer Hotspot möchte Wuppertal kaum sein; zu ungelenk verkauft sich die historisch auf „beten und arbeiten“ ausgerichtete Stadt, in welcher die Welt vor allem zu Gast ist, um etwas zu „schaffen“. Innovationen suchende Reisende kommen voll auf ihre Kosten, doch für zweckfreie Entspannung ist unser Tal viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Während ich dies am Reiseschreibtisch notiere, rattern Hunderte Rollkoffer durch Luzern; hier ist Bettenwechsel bei den „Europa in zehn Tagen“-Touren, seit etwa 200 Jahren Fluch und Segen für die Bevölkerung. Scharen von „Fremden“ sind in der Stadt, doch bei den Künsten habe ich sie, als ich hier wohnte, nur ganz selten mal gesehen; die Welten bleiben getrennt. Auch der Heimattourismus boomt: Zu einem Schaukampf der Eringer-Kühe auf dem Land kamen kürzlich 12 000 Leute! Zum Saisonschluss unserer Luzerner Lesebühne mit der großartigen Schriftstellerin Meral Kureyshi kamen 40 und wir durften zufrieden sein. Die Literatur bleibt vielen stets etwas Fremdes, mit dem Ruch einer Studienreise oder Lehrveranstaltung.

Für alle künstlerisch Tätigen gehört das Reisen zum Alltag, sogar ohne dass wir uns fortbewegen: Mit unseren Vorhaben und Werken reisen wir auf der Stelle; jedes in Arbeit befindliche Projekt ist ein eigener Koffer und wir leben zuweilen gleichzeitig aus mehreren. Sind wir hingegen kulturelle Dienstleister, freiberufliche Servicekräfte, Auftragnehmer für Randbereiche wie Formfindung und Qualitätsverbesserung – etwa Gestalter, Beratende, Lektorinnen, Korrigierende und Produzentinnen –, dann ist der Vergleich ein anderer: Schaue ich die zu bearbeitenden Projekte der Kunden oder Kollegen als Gäste in meinem Leben an, entpuppt sich mein Zuhause als ein Hotel und ich arbeite in Personalunion an Rezeption, in Küche, im Zimmerservice, als Page oder in der Direktion. Die Gäste sind launig; manche bleiben nur Stunden, andere Jahre. Überall klingelt es; aus jeder Richtung werden Sonderwünsche laut. Ich frage, renne, schlichte, putze, verspreche und liefere rund um die Uhr als Tages- oder Nachtportier, bis ich den eigenen Namen vergesse. Nur ganz selten schließe ich die Türen ab und bin im Arbeitshaus allein. Noch seltener öffne ich einen der eigenen Koffer und schreibe heimlich ein Gedicht …

Auf dem Weg zum Bahnhof treffe ich einen jungen Freund, Jazzer mit Masterabschluss und angesehener Bassist. Er hatte gerade drei Konzerte an einem Tag zu spielen, muss nun noch Büro machen, einen Antrag vorbereiten. Ab morgen früh um fünf macht er Ferien von der Musik und geht heimlich zum Job, Zeitarbeit beim Straßenbau; anders geht es nicht, er hofft, dass niemand ihn sieht. Nach Feierabend spielt er Studioaufnahmen ein, an den Sommerwochenenden auf Festivals. Ist er nun Künstler oder Dienstleister, Gast oder Portier? Dem Publikum wirds schnuppe sein.

Ihre Meinung bitte an ➜ kolumne@fnwk.de

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