Selbst-Geschenke als nostalgisches Symbol mit emotionalem Wert Die kollektive Gewohnheit des Schenkens ändert sich // 24. Dezember 2025 Von Tine Lowisch Was genau, ist eigentlich ein Ich-Geschenk? Als ich vor ein paar Wochen diesen Begriff das erste Mal bewusst lese, erklärt mir der Text, dass es sich bei diesem Vorgang wohl um einen neuen Trend zu Weihnachten handelt. Es heißt weiter, es gehöre mittlerweile zu einer neuen Form der modernen Fürsorge, sich selbst auch etwas unter den Weihnachtsbaum zu legen – sich also selbst zu beschenken. Und es gibt tatsächlich viele Gründe dafür. Nachdem meine erste Verwunderung dazu abebbt, denke ich, warum nicht? Das Schenken als menschlicher Impuls bleibt auch als Ich-Geschenk ein Aspekt der Freude – und es bleibt dabei sogar zwanglos und freiwillig. Tine Lowisch - Foto: Claudia Scheer van Erp Um die spontane Freude beim Auspacken des Geschenks an mich selbst nicht zu verlieren und den, sagen wir mal etwas eigennützigen Charakter dabei abzumildern, würde ich allerdings den symbolischen Akt des Verpackens im Vorfeld leicht überhöhen. Mir dabei sogar richtig Mühe geben, ihn zusätzlich zeitlich verlagern, um den Inhalt erst einmal wieder zu vergessen. Denn ehrlicherweise ist für mich der kurze, überraschende Moment des Enthüllens eines feierlich verpackten Geschenks erst der emotionale Kick, der mich mit meinen Wünschen in Einklang bringt, weil er sie mir tatsächlich erst bewusst macht. Ich-Geschenke enttäuschen hierbei nicht und können ihren Warenwert glücklicherweise gänzlich vernachlässigen, denn da kann wirklich alles drin sein. Vom Wunsch bis zur Verwirklichung eines guten Vorsatzes für das neue Jahr, vielleicht sogar zum halben Preis. Studierende von der Fachhochschule für Ökonomie und Marketing (FOM) in München haben bei einer Befragung von 60 000 Menschen herausgefunden, dass gut ein Viertel der Menschen sich mittlerweile selbstverständlich selbst beschenkt. Im Schnitt geben Selbstschenker dabei zwischen 50 und 170 Euro für sich aus. Die häufigsten Selbstgeschenke sind Bücher im Wert von um die 50 Euro. Noch liegt der Betrag, der laut Studie für Weihnachtsgeschenke für sich selbst ausgegeben wird, für den Vorschlag, den ich Ihnen nun unterbreite, etwas zu niedrig. Das ändert sich vielleicht mit der Zeit, wenn man überlegt, dass von 2024 bis 2025 der Anteil der Selbstschenker von 20 Prozent auf 27 Prozent in der Bevölkerung angestiegen ist. Hält der Trend also über Jahre ansteigend an, entsteht vielleicht irgendwann wieder ein frei verfügbares Budget in den privaten Haushalten auch für die Anschaffung von Kunstwerken. Denn Kunstwerke eignen sich aus meiner Sicht hervorragend als Ich-Geschenke, da ihr langlebiger Wert ja auch und vor allem im Auge des Betrachters liegt. Aber nicht nur Kunstwerke, auch Kunsterlebnisse jeder Art eignen sich natürlich bestens, eben gerade, weil sie kurzweilig und auf nachhallende Weise vergänglich sind. Worüber man sich im Umfeld von Kunst und Kultur persönlich freut, wenn man sich mit Kunst beschenkt, umfasst erfreulicherweise eine riesige Bandbreite. Es gibt da viel zu entdecken. Vielleicht besuchen Sie zwischen den Jahren das ein oder andere Konzert, erleben einen spannenden Vortrag oder eine Lesung, gehen wieder einmal ins Museum oder zu einer Performance, besuchen eine Galerie, ein Atelier oder eine kunstfertige Manufaktur? Suchen Sie sich einfach etwas Schönes aus, das Ihnen Freude macht. Jetzt ist die beste Zeit dafür. Feedback gerne an ➜ kolumne@fnwk.de 204