Wuppertaler Kinos öffnen Raum für selten gehörte Perspektiven 4. März 2026 Von Lynn Berger In den Kinos der freien Kulturszene in Wuppertal läuft aktuell eine Veranstaltungsreihe, die bewusst politisch Stellung bezieht. Cinema und Rex Filmtheater zeigen seit einigen Monaten Filme und organisieren Lesungen rund um Palästina. Besonders eindrucksvoll war die Lesung des jüdischen Autors Toma Dreifuß aus seinem Buch „Keinheimisch“. Darin beschreibt er die Nakba (arabisch für Katastrophe) mit Blick auf seine Familiengeschichte. Als Nakba werden die Flucht und Vertreibung eines großen Teils der palästinensischen Bevölkerung im Zuge der Gründung des Staates Israel 1947/48 verstanden, bei der über 400 Dörfer ausgelöscht und Tausende Menschen ermordet wurden. Dreifuß berichtet, wie die Staatsgründung ihm in seiner Kindheit in Israel als Befreiungsgeschichte erzählt wurde – und wie er später erfuhr, dass sein Großvater als Kriegsverbrecher beteiligt war. Heute positioniert er sich klar gegen den israelischen Staat und sein Handeln. Die Lesung hinterließ ein bewegtes Publikum. Eine Besucherin sagte, sie habe eine andere Art von Veranstaltung erwartet, mit klassischer israelischer Perspektive. Sie sei dankbar für die Perspektive, die diese Veranstaltung ihr gezeigt habe. Genau diese Irritation macht den Wert der Reihe aus: Sie erreicht ein breites Publikum und öffnet Räume für Perspektiven, die im öffentlichen Diskurs häufig marginalisiert werden. Auch „Die Stimme von Hind Rajab“ über ein sechsjähriges palästinensisches Mädchen konfrontiert das Publikum unmittelbar mit der Gewalt in Gaza. Der Spiel- und Dokumentarfilm integriert reale Tonaufnahmen von Hinds Stimme aus dem Moment, als das Fahrzeug, in dem sie sitzt, unter Beschuss der israelischen Armee steht. Mit ihrer Stimme beschreibt sie ihre Umgebung und das, was ihr passiert – Zeugin einer politischen Realität, die von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen als Völkermord benannt wird. An diesen Veranstaltungen zeigt sich: Kultur ist nie neutral – jede Programmentscheidung hat Einfluss darauf, was in der Öffentlichkeit gehört wird und welche Perspektiven sicht- oder unsichtbar gemacht werden. Besonders deutlich wird dies auch an dem Konflikt des Filmfestivals Berlinale. Tricia Tuttle, seit zwei Jahren Festivalleitung, wurde aufgrund der Reden einiger Künstlerinnen und Künstler zu Palästina stark kritisiert, da sie zu wenig Distanz zu diesen politischen Statements gezeigt habe. Gleichzeitig haben sich Hunderte Filmschaffende in einem offenen Brief an die Veranstalter der Berlinale für den Schutz der künstlerischen Meinungsfreiheit ausgesprochen. Deutlich wird: Die freie Kulturszene hat ein Potenzial und gleichzeitig eine große Verantwortung. Wenn Institutionen bewusst Themen aufgreifen, die gesellschaftlich umkämpft sind, können sie Räume anders öffnen und einen vielschichtigen Blick ermöglichen. Kultur wird zum Ort der Reflexion, des Austauschs und der Empathie. Sie bietet thematische Auseinandersetzungen und Information und fördert die Solidarität in der Wuppertaler Stadtgesellschaft, einer Stadt mit einer großen palästinensischen Community. Cinema und Rex setzen ein Zeichen, auch über die Stadt Wuppertal hinaus. Sie zeigen, dass kulturelle Einrichtungen dem gesellschaftlichen Wegsehen etwas entgegensetzen und Räume für Unausgesprochenes schaffen können – durch Geschichten, Bilder und persönliche Zeugnisse. Für viele ist genau das grundlegender Bestandteil kultureller Arbeit: Räume zu schaffen, in denen komplexe Wirklichkeiten sichtbar werden und gesellschaftliche Verantwortung verhandelt werden kann. Ihre Meinung an ➜ kolumne@fnwk.de Lynn Berger ist gebürtige Wuppertalerin. Die Theaterpädagogin arbeitet mit dem Schwerpunkt Partizipation und Teilhabe. Als Kulturschaffende interessiert sie sich besonders für die Schnittstelle von Kunst, Gesellschaft und Politik. vorheriger Artikel Droht Wuppertal ein Kulturverlust? 26