Tanz in Kyiv gegen die Zeit Eine Reise in eine Stadt, die trotz des Krieges weiter tanzt / 15. April 2026 Von Ricardo Viviani Im Dezember 2025 reiste ich für einen Workshop nach Kyiv. Zehn Tage war ich dort, angereist aus Wuppertal über Kraków – eine Route, die sich zugleich pragmatisch und existenziell anfühlt. Wie bereitet man sich von einem ruhigen Wohnzimmer aus auf eine Reise in ein Kriegsgebiet vor? Es gibt keine Anleitung. Die Vorbereitung beginnt mit banalen Handgriffen und dem Einpacken. Angst spielt keine Rolle, erstaunlich genug – nur die Verantwortung, das weiterzugeben, was ich in den letzten fünfzehn Jahren entwickelt habe. Ricardo Viviani - Foto: Solomiia Kozolup Ich folgte der Einladung von Viktor Ruban, Choreograf und Kulturaktivist, der inmitten des Krieges Räume für Kunst und Denken offenhält. Die Aufgabe war klar: ukrainische Institutionen dabei unterstützen, ihre Tanztraditionen zu beschreiben, zu dokumentieren und zu schützen – ein Akt kultureller Selbstbehauptung, ein Schritt der Dekolonisierung aus dem sowjetischen Griff, der Sprache, Kultur und Erinnerung über Jahrzehnte überlagert hat. In Kyiv arbeiteten wir mit Leiterinnen von Museen, Archiven und Bibliotheken sowie mit zehn Künstlerinnen und Forschern zusammen – von Zwanzigjährigen bis zu Menschen wie mir, die sich seit 45 Jahren dem Tanz widmen. Das Goethe‑Institut ermöglichte diese Arbeit über den Resilienzfonds. Der erste Tag gehört dem Kennenlernen. Ich erzähle, wer ich bin, und sie erzählen von sich. Ein Raum voller Expertise – und doch voller Zögern, weil Worte fehlen. Erst als Karina, eine Teilnehmerin, spontan beginnt, jedes Wort zu übersetzen, wird alles hörbar. Ich versuche, die unterschiedlichen Dringlichkeiten zu verstehen. Jede Person bringt eine eigene Vorstellung davon mit, was bewahrt werden muss. Was ich erlebe, ist eine Stadt, die zugleich verwundet und lebendig ist. Menschen, die müde und entschlossen wirken. Cafés, die geöffnet bleiben, obwohl der Strom ausfallen kann. Kollegen, die mit Humor und Professionalität arbeiten, während draußen Sirenen heulen. Eine Normalität, die nicht Täuschung ist, sondern Überlebensstrategie. Es ist notwendig und dringend, diese Arbeit jetzt zu tun. Denn so viele Talente gehen an die Front. Ein Choreograf verabschiedet sich, weil er am nächsten Tag als Drohnenoperator eingezogen wird. Tanzlehrerinnen arbeiten als Scharfschützinnen. Eine Choreografin kann ihre Heimatorte nahe Chornobyl nicht mehr besuchen. Und viele sind gefallen. Zurück bleiben Erinnerungen – und kleine ukrainische Fahnen im Denkmal am Maidan. Mein Alltag wird schnell ritualisiert: den Vortag reflektieren, Interviews mit Akkubetrieb führen, vortragen. Alles ist Gegenwart. Die Arbeitstage sind dicht. Erinnerungen öffnen sich, werden sortiert, in Worte gefasst. Doch meine Frage nach einem Kinderlied stößt auf eine Wand: sowjetische koloniale Überlagerungen, Fremdworte, ein Erbe, das nicht mehr angenommen wird. Und Fragen nach der Zukunft? Sie bleiben unberührt. Zukunft ist ein Raum, der im Krieg, in dieser Invasion, nicht betreten wird. Und dann, an einem Nachmittag, ein Gespräch mit Nikita, zwanzig Jahre alt. Ein stiller Moment, fast zufällig. Er sagt: „Ich weiß nicht, wie lange ich lebe. Aber solange ich lebe, will ich tanzen.“ Hier verdichtet sich alles: Das Menschliche, das unseren Tanz durchdringt und seine Humanität sichtbar macht. Nikita steht am Anfang seiner Laufbahn, und doch versteht sein Körper bereits alles, was ihn ein Leben lang begleiten wird. Dieses kaum zu fassende Geheimnis – ein Wissen aus Atem und Bewegung –, das wir weitergeben wollen, bevor es wieder im Moment verschwindet. Ihre Meinung bitte an ➜ kolumne@fnwk.de 1