Theaterarbeit, die sich für unsere Welt einsetzt und eine Welt verändert Beobachtungen bei einem Vorspiel von Studierenden an der Uni // 29. Juli 2026 Von Torsten Krug Neulich war ich wieder bei einem Vorspiel meiner Studierenden, die ich an der Folkwang Universität der Künste in Theatergeschichte unterrichte. „Figurenarbeit“ heißt die Aufgabe, bei der die jungen Darstellerinnen und Darsteller nicht Rollen aus Theaterstücken spielen, sondern sich über Wochen mit einer Figur aus der Geschichte, dem öffentlichen Leben oder mit übergeordneten Themen auseinandersetzen – höchst individuell, meist experimenteller und performativer als in anderem szenischem Unterricht. Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer Hintergrund ist, dass sie dabei oft ein persönliches Anliegen mitbringen und vertreten, viel dazu recherchieren und lernen, sich in eine reale Position hineinzubegeben. Im Idealfall können sie diese Intensität später auf Figuren übertragen, deren Anliegen sie nicht teilen, die sie aber glaubhaft spielen möchten. Ich war an diesem Abend nur Zuschauer und beeindruckt von ihrer Intensität, gleichwohl frappiert von der Auswahl der Themen. Diese erschien wie ein „best of Horror“ unseres menschlichen Zusammenlebens: Von Femiziden über Rassismus, Leben unter Diktaturen, sexuellem Missbrauch bis hin zum Elite-Denken eines Tech-Milliardärs zogen die Themen einen finsteren Kreis um uns. Einer der Darsteller hat familiäre Wurzeln in der DDR und hatte sich intensiv mit der Familiengeschichte Wolf Biermanns auseinandergesetzt, sang dazu zwei seiner Lieder. Eine Studierende hatte sich anhand von Michael Jackson mit der Ambivalenz von Verehrung und Ablehnung beschäftigt: Wie umgehen mit einem Künstler, den wir lieben und gleichzeitig – aufgrund des Verdachts von Kindesmissbrauch – verachten? Eine Studentin schlug einen Bogen von der Hexenverfolgung zu Femiziden heute – schwerer Stoff, der uns da entgegenschlug und in seiner Behandlung beeindruckte. In mir wurde die Frage laut: Warum beschäftigen sich junge Menschen heute gerade mit diesen Themen und Figuren? Eine Antwort scheint naheliegend: Weil unsere medial vermittelte Gegenwart voll ist von eben diesem Horror, von Gewalt und schreiender Ungerechtigkeit. Doch war das die Jahre davor anders? Am berührendsten gestaltete sich der letzte Beitrag einer Schwarzen Studentin. Eingeleitet von Klängen aus der Ouvertüre zu Richard Wagners Tannhäuser präsentierte sie zunächst Masken von Diktatoren, dann die vermeintlich glorreiche Vision einer Zukunft, nach der die gesamte Menschheit in Hochhäusern auf der Fläche von zirka zwei Drittel Deutschlands leben sollte. Alle anderen Kontinente und Landstriche wären unbewohnt und könnten in Ruhe ausgebeutet werden. Am Ende holten ihre Mitstudierenden einen Querschnitt aus dem Publikum auf die Bühne und verlas die Darstellerin Aussagen. Bei jeder positiven Antwort sollten die Beteiligten einen Schritt vorkommen, bei negativer Antwort blieben sie stehen. „Unter meinen Kolleginnen und Kollegen sehen die meisten so aus wie ich.“ – „Ich kann überall hin in Urlaub fahren, ohne komisch angesehen zu werden.“ – Am Ende standen zwei Personen weit hinten, beide waren Menschen of Color, eine von ihnen begann zu schluchzen, auch die Darstellerin musste weinen. Dieser Abend war kein Theaterstück, stellte keine Inszenierung dar. Er machte deutlich, wie sehr eben dieser Jahrgang, mit dem ich in meinem Unterricht die bisher intensivsten Diskussionen habe, sich einsetzen möchte für unsere Welt. Als ich ging, sah ich, wie die Schwarze Darstellerin ihren Vater im Publikum im Arm hielt, er schien vollkommen überwältigt. Für ihn hat sie an diesem Abend eine Welt verändert. Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de 1