Und am Ende denke ich doch immer nur an Kultur Gedanken am See über Demokratie, Wurfzelte und die Fundamente der Kunst / 12. August 2026 Von Kati Trempler Diese Kolumne schreibe ich ganz bewusst mittendrin im Urlaub. Ich sitze auf einer Wiese zwischen Schilf und einem Wurfzelt, das seinem Namen nur bedingt gerecht wird. „Wurf“ stimmt, „Zelt“ ist Verhandlungssache. Flutschfinger (buntes, sehr süßes Wassereis) schmelzen und verteilen sich auf Kindern. Das ist eigentlich auch eine Kunstform. Mein Gehirn arbeitet bei 32 Grad nur zwei Minuten am Stück. Danach springt es in den abgesicherten Modus. Und doch möchte diese Kolumne geschrieben werden. Kati Trempler - Foto: Line Beckmann Ich denke an Wuppertals Kultur. Tausend Themen tauchen auf. Keines bleibt lange genug, um wichtig zu werden. Noch einen Kaffee. Noch ein Konzentrationsversuch. Es kommen mir all die kleinen und größeren Streitigkeiten der vergangenen Wochen in den verwuschelten Kopf. Im Kulturrat geht es gerade hoch her. Man wählt Vertreterinnen für die freie Szene in den Kulturausschuss. Manche freuen sich darüber, andere nicht. Soweit völlig normal. Schwieriger wird es danach. Irgendwann muss eine Wahl nämlich auch einmal aufhören dürfen. Sonst wird aus Demokratie ein Dauerkampf. Das wäre ungefähr so, als würde ich nach jedem Uno-Spiel meiner Tochter noch drei Tage erklären müssen, warum die gewinnt, die keine Karten mehr auf der Hand hat. Demokratie ist schon ein merkwürdiges Ding. Es ist wohl nur ein kleines Szenario, das leider in der gesamten Gesellschaft zu beobachten ist. Meine Kinder haben beschlossen, dass Sichtkontakt überbewertet wird. Beim nächsten Badeurlaub sollten sie schwimmen können. Kurz schauen, ob der Kopf noch über Wasser ist und dann weiter. Nach meiner letzten Kolumne haben Thusnelda Mercy und ich uns erstaunlich schnell mit dem neuen Kulturdezernenten getroffen. Wir saßen entspannt im Café Joliso im Barmer Bahnhof beisammen und sprachen über Kultur und die freie Szene. Das war angenehm. Menschen, die Lust hatten, über Möglichkeiten nachzudenken. Neue Ämter bringen neue Ideen mit sich. Jetzt müssen sie nur noch den Praxistest bestehen. Gute Ideen sind auch wie Wurfzelte: Entscheidend ist nicht, wie schnell sie aufgehen, sondern ob sie anschließend stehen bleiben. Ich gehe baden. Meine Kinder werden von fremden Menschen gefüttert. Urlaub funktioniert erstaunlich kollektiv. Ich freue mich, dass Kulturrat und Kulturbüro zum Kulturgipfel am 10. September von 13 bis 16 Uhr in die Börse einladen. Kulturschaffende, Kulturliebende, die Oberbürgermeisterin und der Kulturdezernent kommen zusammen, um über Förderung, Entwicklung und kulturelle Bildung in Wuppertal zu sprechen. Hier wünsche ich mir auch ein erstaunliches Kollektiv. Vielleicht, weil ich in der Färberei in Oberbarmen arbeite, veranlasst der Begriff der kulturellen Bildung mich oft zum Grübeln. In Oberbarmen merkt man ziemlich schnell, dass kulturelle Bildung oft erst der zweite Schritt ist. Vor der aktiven Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur braucht es meist etwas Grundsätzlicheres: einen sicheren Ort, ein Mittagessen, Zeit, Vertrauen. Das ist keine Konkurrenz zur Kultur, sondern ihr Fundament. Wer nie erlebt hat, dass ihm ein Raum offensteht, wird auch eine Galerie nicht selbstverständlich als seinen Raum sehen. Die ersten Fragen bei uns in der Färberei: Ist es kostenlos? Darf ich kommen? Dürfen meine Kinder mit? Da beginnt in meinen Augen kulturelle Teilhabe. Am 5. September feiern wir deshalb wieder Summer in the City. Von 13 bis 23 Uhr wird es auf dem Färberei-Vorplatz bunt, laut, international und hoffentlich fröhlich. Ein Fest für Menschen, die Kultur lieben, und für diejenigen, die noch gar nicht wissen, dass sie das tun. Feedback gerne an ➜ kolumne@fnwk.de 37