Eins von vier Herzen Von Kati Trempler Meine Familie hat mir abtrainiert, wütend zu sein. Wut bringt nichts, hieß es. Ich komme aus Sachsen-Anhalt. Seit vorletztem Sonntag bin ich heimatlos. 44 Prozent haben dort AfD gewählt. Ich lese deren Regierungsprogramm und die Menschen meiner Kindheit werden fremd. „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“, weniger öffentlich-rechtlicher Rundfunk, weniger Demokratieprojekte. Ein neuer Geschichtslehrplan. Ein „Stolz-Pass“ soll Familien kostenlosen Eintritt in Kulturstätten ermöglichen. Voraussetzung: Ein Elternteil besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Bald soll es nur noch Brauchtumspflege geben. Meine Familie lebt noch dort. Sie sagt: „Du kannst sowieso nichts dagegen tun. Uns hört doch niemand zu.“ Kati Trempler - Foto: Line Beckmann Wenn ich Texte über die Weimarer Republik lese und sehe, wie SPD und KPD miteinander stritten, während rechts von ihnen etwas immer größer wurde, fühle ich einen Stich. Natürlich ist 2026 nicht 1930. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber in den rechten Reihen unseres Stadtrates wächst wieder etwas und ich möchte laut schreien: Könnt ihr es jetzt bitte besser machen und frühzeitig miteinander sprechen? Vier Tage nach der Wahl haben wir beim Wuppertaler Kulturgipfel über Kultur gesprochen. Wir haben gerechnet, Vorträge gebaut und Haushaltspläne gelesen. Das Ergebnis: Gerade einmal rund drei Prozent unseres städtischen Haushalts fließen in Kultur. Etwa zwei Prozentpunkte weniger als im interkommunalen Vergleich. Tendenz sinkend. Ich hatte gehofft, solche Zahlen würden erschüttern und eine Debatte darüber auslösen, was wir ändern müssen. Wie sichern wir die kulturelle Infrastruktur dieser Stadt? Stattdessen höre ich aus der Verwaltung, dass wir doch sowieso immer weitermachen. Irgendwie. Haben wir schließlich bisher auch gemacht. Auch ohne Geld. Und wenn ich frage, wie wir Kultur langfristig Sicherheit geben wollen, wird mir Naivität unterstellt. Parallel dazu stehen wegen der Haushaltslage die Wuppertaler Großprojekte auf dem Prüfstand. Auch das Pina Bausch Zentrum. Ein Projekt, über dessen Kosten man selbstverständlich reden muss und schon längst hätte reden müssen. Vier Säulen sollen künftig die Idee dieses Hauses tragen. Eine davon heißt Forum Wupperbogen. Hier sollen Stadtgesellschaft und freie Szene mitwirken. Das Erbe Pina Bauschs soll sich mit internationalen Einflüssen und dieser eigenwilligen Stadt verbinden. Nicht Kultur für einige wenige. Ein Ort, an dem alle Menschen dieser Stadt vorkommen. Mit unterschiedlichen Sprachen, Geschichten und Vorstellungen davon, was Kultur sein kann. Ein Ort soll es werden, an dem Pina Bauschs Erbe nicht nur bewahrt wird, sondern weiterlebt. Wo Menschen zusammenkommen und sagen, was sie bewegt. Pinas Kunst lebte nicht vom Gleich sein. Sie lebte von Unterschieden. Gemeinschaft entstand nicht dadurch, dass diese Unterschiede verschwanden, sondern dadurch, dass Menschen einander begegneten. Und genau deshalb ist der Wupperbogen nicht das nette Beteiligungsprogramm am Rand eines großen Kulturprojekts. Er ist eines von vier Herzen. Das erscheint mir jetzt noch wichtiger, als es vor der Wahl in Sachsen-Anhalt schien. Bei den anstehenden Prüfungen sollten wir also nicht nur fragen, was Kultur kostet. Sondern was verloren geht, wenn diese Räume verschwinden. Ich bin noch immer nicht besonders gut darin, wütend zu sein. Aber inzwischen denke ich immer häufiger einen ziemlich unsachlichen Satz: „Dann tut doch endlich was. Und redet darüber.“ Ich würde jedenfalls zuhören. Der Ausschluss vom Gespräch erzeugt Wut. Feedback gerne an ➜ kolumne@fnwk.de 70