Mehr Brennnessel wagen Über Wuppertals eigensinnige Kultur und den Sommer 2031 / 26. August 2026 Von Ariane Dehghan Metallisches Surren, die Bahn ruckelt durch die Kurve. Hinterhöfe, Fabriken, Wohnhäuser, Brachen, Bühnen, Museen, Ateliers… Wuppertal zieht wie ein Filmstreifen vorbei. Unter mir die renaturierte Wupper in einem Bett aus eigenwilligem Grün, das sich um die üblichen Regeln städtischer Grünpflege herzlich wenig kümmert. Keine zurechtgestutzten Büsche, keine empfindlichen Zierpflanzen. Es wächst üppig, wild und selbst bestimmt. Ariane Dehghan - Foto © A. DehghanAriane Dehghan Die Wuppertaler Kulturlandschaft passt so wunderbar zu diesem grünen Band! Kunst und Kultur sitzen hier nicht ordentlich an einem Platz. Sie quellen aus allen Ecken und Enden: große Institutionen neben kleinen Projekträumen, international Bekanntes neben Dingen, die kaum jemand außerhalb des Viertels kennt. Geschichtsträchtige Institutionen bekommen neue Programme, Initiativen verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf, neue Orte und Ideen entstehen neben solchen, die seit Generationen zur Stadt gehören. Eine vollständige Liste anzulegen, wäre praktisch aussichtslos. Vor vielen Jahren bin auch ich dieser Stadt und ihrer verwunderlichen Eigenschaft, Kultur hervorzubringen, erlegen: Es sollten Skulpturen unter freiem Himmel sein, immer einen Sommer lang und für alle – so wie bei der documenta in Kassel, den Skulptur Projekten Münster oder der Biennale in Venedig, nur eben besser, nämlich entlang von Schwebebahn und Wupper: das Projekt „FREILUFT Wuppertal“ war geboren. Vielleicht erinnern Sie sich an den „Google Tree“ am Haspel. Zu Fuß ist die Talachse zu lang, mit dem Fahrrad bisweilen lebensgefährlich und mit dem Auto stellt sich unentwegt die Parkplatzfrage. Die Schwebebahn dagegen hat das perfekte Maß. Ihre Stationen liegen dicht genug, um immer wieder auszusteigen und ein Werk zu erkunden, und weit genug auseinander, um voranzukommen. Man kann sich nicht verfahren. Und sie bietet zudem eine einzigartige Perspektive auf die Kunstwerke – von oben! 2031 trifft diese Idee auf die Bundesgartenschau. Die Buga wird mit Tesche, Zoo, Königshöhe starke Orte und bewusst gestaltete Landschaften, vor allem im Westen Wuppertals schaffen. Mitten durch die Stadt zieht sich schon jetzt eine weitere, ganz eigene Landschaft: die Wupper, gesäumt von Brennnesseln, Gräsern und Büschen – kein Park, sondern eher Eigenwuchs. Dort soll FREILUFT im selben Sommer Kunst zeigen. Wenn eine Stadt sich neu ordnet, verändert sich mehr als ihr Stadtplan. Wege, Gewohnheiten, Bilder geraten in Bewegung. Kultur begleitet Veränderung nicht nur, sie ist Teil und manchmal auch Initiatorin des Wandels. Sie erinnert, widerspricht, staunt, entwirft neue Bilder und stellt die einfachen Fragen: Was machen wir hier und wo wollen wir hin? Die Buga wird Wuppertal verändern; sie wird neue Landschaften, Orte, Perspektiven schaffen. FREILUFT könnte diesen Wandel mit den Mitteln der Kunst begleiten und entlang der Talachse für alle sichtbar verhandeln. Die Schwebebahn ist Wuppertal. Die Kultur auch. Im Sommer 2031 könnten sie beide auf ganz besondere Art und Weise allen zeigen, was sie seit Ewigkeiten tun: Menschen, Orte und Ideen dieser Stadt verbinden. Ich schaue aus der Bahn und die Stadt zieht vorbei. Auch die erste documenta wurde 1955 parallel zur Bundesgartenschau in Kassel gezeigt. Nicht alles, was hier unten wächst, war von Anfang an vorgesehen. Initiativen verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf, neue Kulturorte entstehen – üppig, wild und selbst bestimmt Feedback an ➜ kolumne@fnwk.de 1