Über den eigenen Tankdeckel hinausdenken Die Künste schwitzen zwischen zwei Klimawandeln / 19. August 2026 Von Max Christian Graeff Geläufig ist der Begriff der Tropopause nicht, doch sind wir zeitlebens von ihr umgeben und viele von Ihnen sind auf Fernflügen schon an oder sogar auf ihr entlanggeglitten: Sie ist der Deckel der untersten Atmosphärenschicht, der dafür sorgt, dass die konvektive Durchmischung, die wir „Wetter“ nennen, nicht nach oben in die Stratosphäre abhaut.Im Klimawandel des Anthropozäns hat sie sich langsam weiter ausgedehnt, um bis zu 500 Meter. Mehr Raum also für Zirkulation und Kuddelmuddel, für Ereignisse wie Hitzewellen, Starkregen und Stürme. „Ist doch prima!“, schreien die einen, „egal!“ die anderen, „Beängstigend …“ flüstern zu wenige; Hauptsache, in Wacken gibts kein Schlamm. Max Christian Graeff- Foto: C. Paravicini Der Topos vom trópos (altgriechisch für Wendung, Kehre, Änderung) ist in diesem Sommer allgegenwärtig: Als politische Mahnung oder Aufforderung tut er weiterhin so, als lebten wir vor einem halben Jahrhundert und könnten die neuen Fakten weiterhin ignorieren. Eine neue Kultur des Ausblendens ist gut geübt in der Komfortlandschaft unserer rechtebesessenen Generationen, die nicht lernen wollten, über den eigenen Tankdeckel hinauszudenken. Doch die Panoramen der Verursachung sind so unermesslich breit, wie die Fingerzeige auf Waffenbau, Hedge Fonds und Sashi Beef zwecklos sind. Die Unumkehrbarkeit macht einfache Feindbilder billig. Schließlich verbrauchen auch die Künste und kulturellen Arbeiten aller Art jede Menge Treibstoff. Theater und Tanz, Konzerte, Bücherhalden, Messen und Festivals – auch all dies, das „Gute“, nuckelt kräftig an den Kraftwerken und schluckt jede Menge graue oder direkte Energie. Doch wie soll man in der Vielfalt aller Ansprüche und Geschmäcker nun möglichst gemeingültig und nicht selbstgerecht zwischen Unnötigem und Sinnvollem unterscheiden? Es ist unmöglich; das Dilemma ist beispielhaft. Gekürzt, verengt und ausgegrenzt wird nicht nach den Maßgaben des biologischen, sondern des politischen Klimawandels. In manchen Bundesländern droht die Bevorzugung prämoderner, völkischer Tendenzen. Damit einher geht das langsame und oft bequem ignorierte Austrocknen progressiver, zukunftserkundender künstlerischer Erweiterungen des Denkens, die uns machtfrei und autonom befähigen, in beängstigend geänderten Umständen gut miteinander zu leben. Ah, denke ich: So könnte die Kolumne beginnen. Das Schreiben übers Wetter ist langweilig, doch noch sitzt du ja hier im Feriengarten … Schon hüpft die Amsel näher und fragt, ob sich da nicht etwas wiederhole. Natürlich, schreibe ich ihr entgegen: Das Körbchen mit den Kolumnennotizen wiegt mehr als drei Kilo und bietet eine irre Zeitreise: Fragen von 2017, drei Jahre Corona, neue Kriege, Gedanken über Obdachlosigkeit und Leseschwächen, Verhandlungen und Honorare … Alles dasselbe und doch nichts wie vorher. Es zeigt, wie wandelbar all jene sein müssen, zu deren Beruf es gehört, mit Farbe, Tinte und Tönen, mit Körper und Geist die Gegenwart zu deuten, zu formen und zu hinterfragen. Jetzt lass mich noch einen Schluss finden, du Vogel, denn wer nicht zwitschern kann, muss schreiben. Doch worüber? Spannungen in der Organisation der freien Szene? Nicht in der Zeitung. Fehlende Honorare? Langweilig wie das Wetter. Bildung der Herzen, der Gesellschaft? Noch sind Ferien! Dann vielleicht über das, was fließt und sprudelt wie die Künste: ungreifbar, unentbehrlich, zuweilen auch gewaltig. Dessen Fehlen uns sterben lässt. In der Wüste lautet ein Abschiedsgruß, hier den Künsten auf dem Weg in einen heißen Herbst hinterhergerufen: „Seid behütet wie das Wasser!“ Ihre Meinung wie immer an die E-Mail-Adresse ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Und am Ende denke ich doch immer nur an Kultur 15