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Zeit nehmen – inmitten von Umbrüchen

Was Kultur vermag als zukunftsfähiges Labor unserer Welt / 5. August 2026

Von Uta Atzpodien

Erfrischend leer sind die Straßen der Stadt, gleißend heiß zugleich, mitten im Sommer in der Ferienzeit. Viele hat es wohl raus in die weite Welt gezogen. Hier ticken nun gefühlt die Uhren etwas langsamer. Entschleunigung ist zu spüren. Das tut gut, vor allem, da es mich selbst dazu verführt, mir einfach mehr Zeit zu geben.

Uta Atzpodien - Foto: Ralf Silberkuhl
Uta Atzpodien - Foto: Ralf Silberkuhl

Im Strudel der Ereignisse fehlt dem Innehalten oft die Verankerung, um mit mehr Aufmerksamkeit Erfahrungen zu machen, Menschen, Momenten oder auch Konstellationen zu begegnen, denen Zeit für Klärung guttun würde. Auf so vielen Ebenen tut dies not: Der Erdüberlastungstag am 30. Juli hat in nie dagewesener Höhe aufgezeigt, dass die Ressourcen des Planeten ausgeschöpft sind. Es lodert und flackert: Waldbrände in Südeuropa erreichen uns in den Nachrichten und werden schmerzhaft konkret über Hilferufe von urlaubenden Aktiven der Kulturszene. Auch wir, die wir uns in jahrzehntelang erlebter Sicherheit gewähnt haben, sind inmitten all der Umbrüche und Krisen.

Zeitnehmen für Kunst: Begünstigt durch Ticketangebote der Bahn habe ich mich letzte Woche für eine Tagesreise auf den Weg zum ZKM in Karlsruhe gemacht und die Konzeptausstellung „MARS! – Mobilizing Awareness for Resilient Societies!“ besucht, die als Experiment eine demokratisch-resiliente Mars-Besiedlung durchspielt und gar nicht so weit von dem entfernt ist, was wir auf einer klimaveränderten Erde bräuchten. Gemeinsam mit Bürgerwissenschaftlerinnen der „Red Dust Society“ tauchen die Besuchenden faszinierend partizipativ erkundend in die Bereiche Habitat, Mental Health, Food, Governance und Ressourcenmanagement ein.

Dies angeregt aufsaugend habe ich den ultraheißen Tag im wohltuenden Museumsgebäude und im klimatisierten Zug verbracht: Der Blick auf den bisher so nie erlebten wasserarmen Rhein auf meiner Lieblingszugstrecke hat mir schier den Atem genommen: mit lähmender Sorge.

„Schönheit der Umbrüche. Vom guten Leben in brüchigen Zeiten“ heißt das soeben erschienene Buch der Zukunftsforscherin Judith Block. Sie geht der Verschiebung von Handlungsspielräumen und der kreativen Kraft im Umgang damit nach, inmitten unserer komplexen und verwirrenden Lage zwischen Ende des Gewohnten und Anfang von etwas Neuem. Die Rückbesinnung auf Haltung und Werte hat sich mir eingebrannt, wie sie Navid Kermani als Intellektueller am Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler am 20. Juli deutlich gemacht hat und dabei die Option des Nein-Sagens betonte, um unser Grundgesetz zu wahren.

Einen konkret kreativ gestaltenden Beitrag leistet aktuell die seit 125 Jahren existierende BKG mit „One World“, einem künstlerischen Frei- und Begegnungsraum in der alten Glaserei, der in über zwei Wochen Grenzen zwischen Generationen, Kulturen und Sprache überwindet und 16 Kunstschaffende aus Wuppertal und 15 Künstlerinnen aus Partnerstädten Wuppertals zusammenführt, einige davon mit schweren Belastungen, aus Kriegsgebieten. In künstlerischer Leitung von Frank N ist hier ein vielköpfig gestaltendes Labor entstanden, in dem aus einem Miteinander, einem sich aufeinander Einlassen, eine auf mehreren Ebenen vielsprachige solidarische Gemeinschaft entsteht.Hier wächst beispielhaft das, was unsere Gesellschaft so dringend braucht: Verbindungen und Vertrauen. Mein Atelierbesuch, die Gespräche mit Anke, Pablo, Gisa und anderen klingen berührend nach.

An alle Hiergebliebenen: Schon jetzt oder am kommenden Ausstellungswochenende lädt dieses Kunstlabor ein, sich Zeit zunehmen, um zu erfahren, wie wir hier und andernorts unsere kreativ-klärende Kraft konstruktiv für gelebte Demokratie nutzen können.

Feedback an ➜ kolumne@fnwk.de

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Finanzamt Wuppertal-Elberfeld: 132/5901/5166

 


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