Der Klang der Zukunft Von der Befreiung, etwas frei von Nutzen zu tun / 21. Oktober 2026 Von Torsten Krug Kürzlich gab es in der Wochenzeitung Die Zeit ein Dossier über eine Selbsterfahrung: drei Monate ohne Smartphone. Darin konnte man lesen, was die häufige Nutzung dieses mit uns schon verwachsenen Gerätes mit dem Gehirn macht: durch Social Media, aber auch durch die vielen anderen Anwendungen. Und was schon wenige Wochen bewirken, in denen man eben damit aussetzt. Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer So weit habe ich es noch nicht geschafft. Dennoch beherzige ich, so oft es geht, das Offline-Sein, trenne zumindest nachts alle Geräte vom Netz oder lege das Handy bewusst in einen anderen Raum, wenn ich arbeiten, lesen oder Musik hören möchte. Eine andere Übung ist es, bei jeder „Lücke“, die sich im Strom des Alltags ergibt, in Wartesituationen, beim Essen alleine oder beim Kochen, dem Impuls zu widerstehen, das Handy hervorzunehmen, Nachrichten zu hören, Mails zu checken etc. Lasse ich diesen Impuls ziehen, ergeben sich oft erstaunliche Momente: Gedanken kommen und gehen, finden überhaupt erst Raum, der Kopf hat plötzlich freies Spiel und löst dabei gelegentlich wie nebenbei ein paar Sorgen. Seit einigen Tagen kommt etwas Unerhörtes hinzu: Ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das habe ich zuletzt vor gut dreißig Jahren getan. Auch damals schon war ich erwachsen, war es mir sozusagen nicht in die Wiege gelegt gewesen, was ich manchmal bedauere. Damals frustrierte mich das relativ schnell. Auch jetzt weiß ich: Selbst wenn ich, wie in den letzten Tagen, in Zukunft mindestens eine halbe Stunde täglich übe, werde ich in einem Jahr noch immer Anfänger sein. Als jugendlicher Schlagzeuger habe ich viele Jahre im Keller verbracht und Stunden über Stunden gespielt, auch mit Kopfhörer zu Schallplatten. Das alles steckt seither in mir, macht mich ein Stück weit aus. Doch wohin hat es geführt, könnte ich fragen? Noch schlimmer: Was hat es gebracht? Wir alle sind nicht frei von der Verwertungslogik, nach der alles seinen Nutzen – noch besser: Gewinn – haben soll. Und natürlich könnte ich jetzt davon berichten, was allein diese paar Tage des Tonleitern-Übens, des Fingerbewegens offenbar mit meinem Gehirn gemacht haben. Es lernt! Es knüpft neue Verbindungen. Ich beuge Demenz vor (genau wie beim Sport). Ich habe Freude. Es gibt mir Ruhe, Fokus, Konzentration, Versenkung in einen Klang, der musikalisch noch so einfach sein kann, ein Volkslied, ein ganz leichtes Stück Bach – ein Stück von Bach hat in jedem Tempo seine Berechtigung, soll der Pianist Glenn Gould gesagt haben. Doch am meisten spüre ich:wie befreiend es sein kann, wenn wir etwas frei von Nutzen tun. Warum sollte ich Klavier lernen, wenn ich es doch in meinem Leben nie mehr so weit bringen werde, wie ich es vielleicht wollte? Lohnt sich das denn? Seit diesem Semester unterrichte ich auch an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Wuppertal. Im Seminar „Konzertgestaltung“ erlebe ich blutjunge Musiker, deren Leben genau das bedeutet: Üben, wachsen, fokussieren. Und: dabei möglichst erfolgreich sein. Das ist bewundernswert. Auch in der INSEL konnte ich letzte Woche mit der Roland Danyi Group ein Quintett ganz junger Musiker erleben, die neben atemberaubendem Können eine bereits große Künstlerschaft demonstrierten. Oder, wie ein Zuhörer sagte: Um die Zukunft des Jazz mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Unsere Zeit ist voller Herausforderungen. Gemeinsam können wir ihnen begegnen. Zur Stärkung genieße ich – angesichts allen Wahnsinns dieser Welt – den stillen Eskapismus des Klavierübens. Und lasse mein Smartphone nebenan. Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de 3