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Das verlernte Zuhören

9. September 2026

Von Torsten Krug

Der Sommer war "sehr groß". Selbst im Salzkammergut, der Landschaft meines Sommers, die üblicherweise mindestens einmal am Tag vom "Schnürlregen" versorgt und begrünt wird, herrschte bedrückende Dürre: Bäche und Flüsse lagen ausgetrocknet da, ganze Seen machten mit vergrößerten Uferflächen ihren Wasserschwund deutlich. Die Politik machte Urlaub und war zunehmend unbeliebt. Oder, wie die TAZ unnachahmlich titelte: "Deutscher Wasserpegel sinkt auf Merz-Niveau".

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

In einem sehr kleinen Nachbarort – zwei Kirchen, ein Lädchen, ein Kindergarten – hatten Engagierte ein hochkarätiges Musik-Festival neu zum Leben erweckt, bei dem wir ein Programm mit Musik von Gregorianik – den ältesten überlieferten Gesängen der christlichen Tradition – bis zu zeitgenössischen Kompositionen erlebten. Der Countertenor, mit dem wir anschließend ins Gespräch kamen, kannte selbstverständlich nicht nur Wuppertal und seine Kulturszene, sondern schwärmte sogleich von den "Seitz-Schwestern".

Elisabeth und Johanna Seitz sind seit vielen Jahren vor allem in der Alten Musik, aber auch mit Programmen mit Neuer Musik oder Improvisation weltweit unterwegs. Sie haben Ende August mithilfe des Vereins "Kultur am Wendepunkt" in Wuppertal ein Festival organisiert, das, nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, zu einmaligen Begegnungen führte: Unter dem Motto "Go East!" initiierten sie – "traditionell, barock, experimentell und zeitgenössisch" – mit Workshops, Vorträgen, Konzerten und internationalem Austausch eine musikalische Reise nach Polen, über Persien, in die Mongolei bis nach Japan. Internationale Koryphäen auf Instrumenten wie der persischen Djoze, der mongolische Pferdekopfgeige oder der japanischen Koto trafen auf Laien und schufen mit ihnen eine Festivalband, bei deren Abschluss-Konzert Tradition auf barocke Grounds, Improvisation auf zeitgenössische Musik trafen. Als roter Faden dienten dem Projekt die hervorragend dokumentierten Reisen des Arztes, Naturwissenschaftlers und Musikers Engelbert Kaempfer, dessen Forschungsreisen im 17. Jahrhundert ihn von Lemgo bis nach Japan führten und dessen Texte ich an jenem Abend in enger Verbindung mit der Musik vortragen durfte. Diese Konzerte wurden zu einem Fest und einer eindringlichen Begegnung zwischen Kulturen und Epochen.

Erhellend war für mich, wie sehr Kaempfer auf seinen Reisen fremden Kulturen mit Neugier und Respekt begegnete. In seinen Texten findet sich noch nicht jene koloniale Haltung, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennen und heute kritisieren. Ihm ging es tatsächlich um Erkenntnis, Austausch und: Zuhören. Als Musiker hatte er seinen ganz eigenen Zugang zur Fremde: er öffnete die Ohren. Wai Mun Yoon entfaltete in seinem Vortrag "Das verlernte Zuhören", wie sehr diese Haltung im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren ging. Wer erobern will, braucht nicht zuzuhören. Diese Haltung hat sich – bis heute – in alle Poren unserer Gesellschaft und Wissenschaft abgelagert. Noch in meinem Studium der Musikwissenschaft vor gut 25 Jahren standen Texte im Zentrum, welche die westeuropäische Musik als den Gipfel und sozusagen Goldstandard auffassten. Und so fügten sich bei diesem Ereignis in mir Puzzle-Teile zusammen – sinnlich, intellektuell, menschlich …

Durch die außergewöhnliche Hitze sind in unseren ausgetrockneten Flussbetten alte Nazi-Kriegsschiffe zutage getreten, die dort seit über achtzig Jahren verrotteten. – Kann es ein besseres Bild für die Verbindung von Ausbeutung unserer Erde mit dem Wiedererstarken des Faschismus geben?

Anregungen an ➜ kolumne@fnwk.de

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