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Vom Geheimzeichen begreifenden Leser zum zahlengesteuerten User

18. März 2026

Von Tine Lowisch

Zeichnen, Lesen und Schreiben sind grundsätzliche menschliche Kultur-und Gestaltungstechniken. Bilder, Sprache und Schrift sind Werkzeuge einer Kreativität, über die wir uns seit den ersten Höhlenmalereien anonym und leise freuten, denn seitdem (oder vielleicht sogar noch viel früher) kommunizieren wir. Seit dieser Zeit werden die Menschen aus mehreren Gründen in ihrer Kommunikationslust immer lauter und öffentlicher. Und je mehr sie von Geheimzeichen begreifenden Lesern zu zahlengesteuerten Usern werden (user: eine Person, die auf ein digitales System zugreift), und je mehr sie sich dabei zu autorisierten Künstlern verklären, desto kreativer fühlen sie sich und desto einsamer werden sie wohl.

Tine Lowisch - Foto: Claudia Scheer van Erp
Tine Lowisch - Foto: Claudia Scheer van Erp

So weit meine stark verkürzten Überlegungen zum kommunikativen Handeln im Allgemeinen, verbunden mit versöhnlichen Grüßen an den Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, der letzten Samstag im Alter von 96 Jahren verstarb. Seine vor zwei Jahren erst überarbeitete Habilitation von 1962 mit dem aktualisierten Titel: „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“ werde ich nachlesen und sehen, was es da Neues gibt. Ich bin gespannt, wie der Wechsel von seinem literarischen Frühwarn- auf ein von ihm selbst optimiertes Spätwarnsystem auf mich wirkt. Denn es ist immer etwas anderes, seine Gedanken öffentlich (mit) zu teilen, als sie mit einem Stift auf ein Blatt Papier zu bannen, welches man im Anschluss verschluckt.

Es ist auch etwas anderes, seine Emotionen öffentlich, vielleicht sogar körperlich, auf einer Bühne zu verhandeln, als zum Beispiel alleine unter der Dusche zu singen. Es ist etwas ganz anderes, seine Gedanken und Emotionen künstlerisch in Material zu verlängern und dabei hinter seinen Kunstwerken zurückzutreten. Viel zu viele Künstlerinnen und Künstler sind und bleiben ihr Leben lang unverschuldet unterbewertet und hoffen – stellvertretend leidend – vor sich hin.

Und da ist es dann allerdings etwas ganz, ganz anderes, wenn man als Künstler anonym bleiben wollte, so wie der weltbekannte Graffiti-Künstler Banksy aus Bristol. Dass ihn gerade diese Motivation zu einer öffentlichen Person im kollektiven Gedächtnis des Kunstmarktes werden ließ, ist gesellschaftspessimistisch betrachtet leicht vulgär und, ja, paradox. Ich bin mir nicht sicher, was aus der kommerzialisierten Marke: Banksy jetzt werden wird. Dieser Street-Art-Künstler, dieses nun entzauberte Phantom der Straße, das den öffentlichen Raum bisher als Malgrund für seine phänomenal bildhaften Schablonen-Parolen verstand, ist weiterhin, als nun entschlüsselte Person, in der Causa erst mal stumm. Ist es wohl besser, wenn er die Ergebnisse einer aus künstlerischer Sicht vollkommen infantilen Recherche um seine reale Person weder bestätigt noch dementiert und sich vielleicht in artistischer Askese übt? Wenn der Hype um die Banksys Enttarnung dann abebbt, werden wir sehen, wie es in unserer schwer gezeichneten Welt mit Ansprüchen an sich selbst weitergeht.

Der antike Philosoph Epiktet, der dem menschlichen Gestaltungswillen stoisch vertraute, hat mal gesagt: Im Leben kommt es nicht darauf an, was einem passiert, sondern immer darauf, wie man damit umgeht. Jede Person, ob öffentlich oder anonym, weiß ja im Grunde, was sie sich dabei selbst wert ist und was sie anderen zumuten kann. Sonst haben wir unsere kreativ menschliche Nützlichkeit vielleicht bald überlebt?

Ihre Meinung bitte an ➜ kolumne@fnwk.de

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