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Wer oder was lädt unser Grundvertrauen wieder auf?

29. April 2026

Von Tine Lowisch

Wenn es stimmt, dass der Zustand der Verunsicherung so etwas wie der Grundton des im Moment laufenden Jahrzehnts ist, hat das vielleicht nicht nur negative Folgen. Wenn ich zum Beispiel stark verunsichert bin, weil ich eine Ausgangslage nicht richtig einschätzen kann und die möglichen Folgen daraus nur schwer vorhersehbar sind, werde ich sofort aktiv: Ich hole mir aktuelle Informationen aus Quellen, denen ich vertraue, und unterhalte mich mit anderen, die eine ähnliche Situation kennen. Ich höre mich dann überall so lange um, bis eine mögliche Lösung des Problems auf dem Weg ist, denn irgendjemand hat immer eine gute Idee oder vielleicht auch ganz andere Mittel, um „trouble zu shooten“.

Tine Lowisch - Foto: Claudia Scheer van Erp
Tine Lowisch - Foto: Claudia Scheer van Erp

Sehr viele Menschen handeln in Zeiten großer Verunsicherungen genauso, sie versuchen etwas zu verändern oder helfen anderen dabei. Und genau diese Erfahrung stärkt mein Grundvertrauen. Wie ein Akku, der sich immer wieder neu aufladen lässt. Wenn der Ladestand niedrig ist, wenn Meldungen müde machen, hilft mir mein unerklärlich aktivistischer Optimismus. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich von einem Basisszenario ausgehe, in dem die Kunst als eine menschliche Ausdrucksmöglichkeit sich ständig durch Veränderung anpasst und es jedem erlaubt, anhand seiner Geschichte zu erkennen, wie sie das macht. Kunst zu betrachten, treibt mich an wie ein Motor, der mich mit erneuerbarer Energie grundversorgt.

Im Moment interessieren und beruhigen mich zum Beispiel die Alten Meister, im Besonderen scheinbar realistische Genreszenen und ja, ich gebe es zu, Stillleben aus vergangenen Jahrhunderten. Das „Stillleben mit Spargel“ von Carl Eduard Schuch von 1883 zum Beispiel, das im Arp Museum/Bahnhof Rolandseck ausgestellt ist, hat, wie ich finde, alles, was es braucht. Der abgebildete Spargel liegt zwar auf einem Silbertablett, jedoch auf einem rustikalen Bauerntisch neben einem Korb oder einer Art Kiepe. Ich schätze, das Bündel hat ungefähr ein Gewicht von drei Kilogramm.

Das lässt mich über den Wandel unserer Wirklichkeit nachdenken, denn drei Kilo frischer Spargel sind für sehr viele Menschen heute einfach unerreichbar. Und überhaupt, diese unsäglichen Arbeitsbedingungen bei der Ernte. Da gibt es viele Stimmen, die jetzt für den Einsatz von Ernterobotern plädieren. Einen meisterlich gemalten Spargel mühelos zu betrachten, schärft vielleicht nicht unbedingt den Blick zwischen der Analyse von effektiver Erntehilfe und den Auswirkungen auf den Alltag von Erntehelfern, denn die Gedanken über sich ständig verändernde Arbeitsbedingungen bekomme ich dabei trotzdem nicht aus dem Kopf.

Vor allem nicht, weil ich überall lese, dass die KI Jobs verschlingt. Wird die KI den Menschen jetzt nach und nach arbeitslos machen? Wenn Menschen keine Arbeit mehr hätten, hätten sie zumindest Zeit, einen Systemwechsel einzufordern. Wenn die Gewinne, die durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz erwirtschaftet werden, nicht schon auf Pump finanziert wären, könnte das durch den Einsatz von KI-Systemen erwirtschaftete Kapital als bedingungsloses Grundeinkommen an alle ausgezahlt werden, besonders an Künstlerinnen und Künstler.

Ihre Zeit würden die Menschen dann vielleicht darauf verwenden, sich mehr umeinander und um den Zustand ihres Planeten zu kümmern, anstatt unmenschliche Verteilungskämpfe zu führen. Erst dann wäre jeder Mensch ein Künstler und auf den Mond oder auf den Mars wollte dann niemand mehr.

Ihre Meinung an ➜ kolumne@fnwk.de

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