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Eine Stadt der vielfältigen Perspektiven

Von Torsten Krug​

Wo ein Wuppertal ist, sind auch Hügel. Sonst wäre ja da kein Tal. In unserer Stadt geht es rauf und runter, drunter und drüber – wer zu Fuß oder sonst wie mit seiner Körperkraft unterwegs ist, kann davon ein Lied singen. Das Schöne daran ist: Durch das Auf und Ab, die vielen verschlungenen Wege, Treppen und Kuppen eröffnet diese Stadt ständig neue Blickwinkel aufs Leben. Sollte das Stadtmarketing also einmal nach einem neuen Slogan für Wuppertal suchen, mein Vorschlag wäre: Wuppertal – Stadt der Perspektiven.

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Natürlich schwingt darin metaphorisch ein wenig mit, dass die Stadt noch so einiges vor sich hat, also „Perspektiven“ (auf Besserung) hat und auch braucht. Doch meine ich das eher bildlich exakt: Wuppertal bietet eine Vielfalt an Standpunkten.Um nur zwei Ereignisse herauszuheben, die mich letztens in dieser Ansicht bestärkten: Die Wuppertaler Literatur Biennale 2022 mit ihrem Motto „Zuschreibungen. Geschichten von Identität“ bot eine ganze Woche lang inspirierende Möglichkeiten für Perspektivwechsel – und tut dies, quasi im Nachklang, noch diesen Freitag, wenn die Veranstaltung mit Abbas Khider, welche krankheitsbedingt ausfallen musste, im Café Ada bei „Literatur auf der Insel“ nachgeholt wird. Sein Buch „Der Erinnerungsfälscher“ blickt aus wechselnden Perspektiven auf die eigene Biografie und damit auf die eigenen Erinnerungen, und fragt, welche davon wahr, welche erfunden – und damit möglicherweise umso wahrer seien.

Für mich war es eine Biennale, welche die Literatur zwar nicht neu erfunden, aber aufgezeigt hat, wie viele Stimmen an ihr Anteil haben, die bisher nur marginal wahrgenommen wurden. Auch die Vielfalt der Sprachen beeindruckte mich, welche mit der Vorstellung einer „reinen Sprache“, eines „guten“ oder „richtigen“ Deutsch aufräumen konnte.So vieles erodiert aktuell, dass wir es manchmal kaum aushalten. Es macht Angst, manche fürchten um ihre „Werte“, „Sprache“, Vorstellungen von Geschlechterrollen, ihre (oft nicht bewussten) „Privilegien“. Doch ist diese Erosion nicht auch etwas Kostbares? Hat nicht die Pandemie im ersten Moment alles vor die Wand gefahren und uns erst einmal – seit Langem – innehalten lassen? Diesen Impuls gilt es neu zu entdecken und gesamtgesellschaftlich wertzuschätzen – bei allem Leid, das die Pandemie bis heute verursacht.

Zweites Beispiel – am Samstag auf der Insel im Ada: das Kurzfilmfestival „fem goes short“, eine Kooperation unter anderem von Vollbild e.V. und dem Medienprojekt Wuppertal. Drei Abschlussfilme von Absolventinnen der Kunsthochschule für Medien in Köln, im Anschluss eine Reihe von Kurzfilmen von Filmemacherinnen und -machern, Anfängerinnen und Anfängern wie Profis, allesamt „Flinta“-Menschen, also „Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender“ Personen. Diese Filme waren künstlerisch und durch ihre Vielfalt an Perspektiven auf die Themen „Sexualität, Komplizenschaft und Utopien“ ein großer Schatz, und ich war glücklich, mit der Insel solchen Veranstaltungen Raum geben zu können. Mindestens so bewegend wie die Filme war der sie begleitende offene Austausch mit dem Publikum.

Einen Moment verblüfft war ich dann doch, als die (sehr gute) Moderatorin mich im Ausklang des Abends fragte, wie ich diese Filme „als Mann“ wahrgenommen habe. Da fragte ich mich, ob mit solch (gut gemeinten) Fragen nicht eigentlich die Probleme anfingen, und sagte wohl sinngemäß: Ich habe sie nicht „als Mann“ gesehen.

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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