Plötzlich diese Zuversicht! Kunst ist nachhaltig – sie regt das unmittelbare Denken an / 17. November 2025 Von Max Christian Graeff Heute früh musste ich nur aus dem Fenster schauen, um ins Nachdenken zu stürzen. Da saß der Dompfaff mitten in den Kernen, versperrte allen Zeternden den Weg und guckte einfach nur stur in die Hecke. Leiser Neid stieg in mir auf. Sofern er gerade dachte: Woran? Löste er endlich die Frage, ob die Euler-Mascheroni-Konstante irrational oder transzendent sei? Suchte er den letzten Reim für ein Adventssonett? Ich ließ ihn sitzen und stöhnte über eigene unlösbare Fragen. Der Zeitdruck ist enorm; mit Volldampf geht es in die stillen Tage, in denen wir uns mit dem Genuss der Ruhe höllisch beeilen müssen, bevor sie wieder vergeht. Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini Beim Kaffee sortierte ich die Flyer jüngst verpasster Veranstaltungen aus: Beste Vorsätze kamen nicht gegen die Pflichten an. „Performing Circular“ – die World-Cafés in der Utopiastadt und Färberei hätte ich gerne besucht und mit anderen neue, mögliche Wege zu mehr Nachhaltigkeit in freien Kunsttätigkeiten besprochen. Das Thema ist nicht frisch; manche treibt es seit Jahrzehnten um. Für ein Konzert nach Hamburg, zur Preview nach Paris? Immer au jour mit allem sein, für jede Band ein Mischpult und frischen Tanzteppich für alle Räume? Auch wenn die technischen Ansprüche aller Aktiven enorm gestiegen sind: Ganz so schlimm war es noch nie, denn dafür fehlte stets das Geld. Es gab allerdings Jahre, in denen das Tauschen, Teilen und Zirkulieren nicht neu zu erfinden, sondern gang und gäbe war. Es funktionierte analog und ohne Handy; man musste aufmerksamer sein, sich kennen, mehr gemeinsam denken. Auch das Vertrauen galt als Förderung: Sogar das Opernhaus verlieh Scheinwerfer an Schultheater; es gab mehr Technik- und Materialpools, nicht nur von öffentlicher Hand. Es wurde improvisiert, gebastelt, repariert, die Bühnen waren niedriger, die Lichtgewitter milder. Die eigentliche Kunst blieb unbeschadet. Heute nennt sich innovativ, was längst doch nur in Not sich windet, denn wir laufen dem Geschehen hinterher. Und je mehr uns das Digitale tatsächlich hilft, desto begeisterter schaufeln wir Erspartes mit beiden Händen aus dem Fenster. Die Künste dürfen (im Moment noch) alle Ressourcen verbrauchen, die wirklich sein müssen. Doch in vielen Dingen (außer in den Budgets und Honoraren) könnten sie sich auf Bescheidenheit besinnen, anstatt sich vom verwöhnten, wohlgenährten Boomlikum in immer hellere Brillanzen jagen zu lassen. Es liegt in der Natur der Sache, dass die von Material und Energie unabhängigen Werke vor allem bei jungen, progressiven, ungebundenen Künstlern zu finden sind, an neuen Orten, in Freiräumen und Kollektiven. Das Paradoxe ist, dass seit der Pandemie das entsprechend junge Publikum zunehmend im Haus und an den Endgeräten bleibt. Die Grabenkämpfe der Komfortgesellschaft reißen durch das ausbleibende Erleben unerwarteter Kunstabenteuer eine Lücke, deren Auswirkung in Bildung, Emotion und Zuversicht noch längst nicht absehbar ist. Das Künstlerduo Fischli/Weiss schuf ab 1981 ein simples Meisterwerk aus 350 handgeformten, ungebrannten Tonfiguren, mit denen sie Verhältnisse der Neuzeit inszenierten, namens „Plötzlich diese Übersicht“. Seit über 40 Jahren treibt dieses mich ins Denken, meinem Dompfaff gleich. Solche Kunst ist weder „arm“ noch sparsam; sie ist schlicht nachhaltig, wie alles, was im Kraftwerk des freien Denkens entsteht. Schenken Sie Ihren Kindern zum Fest doch mal Zeit und Leben, in Form von Tickets: Für all jene vielen Kunstorte unserer Stadt, in denen unmittelbares Denken entsteht. Auch das ist „zirkuläres Handeln“; es zahlt sich aus, wie kein Gerät dies je vermag. Ihre eigenen Gedanken bitte an ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Was die Dunkelheit zeigt nächster Artikel Selbst-Geschenke als nostalgisches Symbol mit emotionalem Wert 279