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Die Zukunft bleibt unversicherbar

Hier oder anderswo gilt: Don‘t keep calm and carry on / 28. Januar 2026

Von Max Christian Graeff

Begonnen wurden diese Zeilen hinter einem anderen Fenster, mit einem Blick in ein anderes nasses Grau, hinaus zu anderen Vögeln: Alles war anders und mir doch vertraut. Lange hatte ich einst in Luzern gelebt, und so kenne ich sie gut, die im dortigen Dialekt schimpfenden Amseln, die Minijodler der Buchfinken und die zeternden Möwen am See. Es war nun keine Urlaubsreise: Ich hatte – wie schon seit 15 Jahren – die Lesebühne im Literaturlokal Loge zu moderieren und für die Pause einen großen Topf „Grah“ zu kochen, zu dem die helvetischen Carnivoren noch angeschmorte Rädchen von Bergischer Kottenwurst bekamen.

Max Christian Graeff - Foto C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto C. Paravicini

Der Abend kam dank gut gelaunter Bühnengäste prima an, wobei mehrere Besucher meinten, er habe ihnen „einfach nur gutgetan“. Politische Texte als Slam Poetry, Chansons und Albernheiten, welche die schwer begreifliche Wirklichkeit durch poetische Umformulierung und Auslegung neu erschlossen; eine mit den Enzymen der Literatur und der Musik versehene Realitätsverarbeitung, gemeinsam erlebt mit Bar und Pausentopf. Ein Gegengewicht zur allein zu Hause konsumierten hässlichen Nachrichtenwelt.

Das gibt es auch in Wuppertal, und hier wie dort wurde das Publikum deutlich spärlicher, trotz der sozusagen heilenden Wirkung des gemeinsamen Schauens und Hörens, des Lachens im Saal, der immer neuen Weltbetrachtungen und vor allem: trotz all der Gespräche, die jenseits von Kunstleistungen den Wert der freien Kulturszene ausmachen. Die Zunahme des schweigenden Verkriechens im solitären Medienkonsum – vor allem auch in der ersten Lebenshälfte – ist keine Vermutung, sondern Wissen – und wirtschaftlich evaluiert. Das lasen wir seit der Pandemie zu Genüge, auch an dieser Stelle; es ändert wenig. Dabei benötigen wir zum Rausgehen ins Unbequeme, zum Agieren zwischen Generationen, zur Suche nach Erkenntnis inmitten diverser Ansichten nur die alte Lust auf Unerwartetes und den Mut, Situationen ohne Erfolgsversprechen erleben zu wollen. Die weiterhin wachsende Eventkultur kann das kaum bieten, denn diese ist wie die sogenannte KI: Sie kann nur gefallen und gelingen. Das, was „einfach nur guttut“, spielt sich in den unberechenbaren Kunsträumen ab, in der unruhigen, verspielten, verrückten, herzzerreißenden, intuitiv verständlichen vita contemplativa jener Menschen, die sich auf diese heilenden Kräfte einlassen.

Während ich den Pausentopf in der Küche eines kleinen Theaters kochte, probten dort mehrsprachige Gruppen eines inklusiven Tanzfestivals: ein tolles Durcheinander, eine Performance des Lebens gegen die nachrichtliche Welt. Einigen war Wuppertal ein klarer Begriff, als eine Stadt des Tanzes und Improvisierens, des gemeinsamen Experiments, des Gegengewichts. Ich verschwieg, dass die Wirklichkeit hier meist anders aussieht und die kollektiven Freiräume nur gestattet, geduldet, doch nicht gesichert sind. Dass die meisten Akteure minimal bezahlt und viele unversichert sind, dass die hier wie dort vereinbarten Mindesthonorare unerreichbar sind und nur dem Gefühl dienen, theoretisch davon leben zu dürfen. Dass das internationale Tanzzentrum und vieles weitere Staunenswerte und Zukunftsträchtige nur im harten Gegenwind des Eventuellen entsteht.

Während ich auf der Rückreise die Kolumne mehrmals thematisch umschrieb (Ukraine, Krankenstand, ICE-Terror), kam die Nachricht von der Abwahl des Dezernenten. Wer da auch folgen mag, sie oder er wird artistisch mit einer Vielzahl schwankender Gemütslagen zu balancieren haben. Ich hoffe auf einen Menschen mit unberechenbaren Erfahrungen und Erlebnissen in den Freiräumen von Kunst und Kultur, denn nur dort ist das lernbar, was „guttut“, uns durchhalten lässt und weiterführt.

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