Biotope des Unverfügbaren 21. Januar 2026 Von Jakob Jentgens Vor kurzem hatte ich ein Gespräch über das Lernen von Musik. Dabei fiel der Ausdruck „ein Instrument beherrschen“. Manchmal benutzen wir Worte jahrelang, ohne uns ihren eigentlichen Wortsinn bewusst zu machen. In diesem Gespräch blieben meine Gedanken daran hängen: Ein Instrument „beherrschen“ – das beschreibt nicht mein Verhältnis zum Saxophon. Seit über 20 Jahren verbringe ich fast täglich Zeit mit ihm, zwei Studiengänge habe ich ihm gewidmet, es ist mein Beruf geworden und ich bin froh, sagen zu können: Ich „beherrsche“ das Saxophon nicht. Mein Instrument und ich, wir sind in einem Dialog. Ich personifiziere es nicht, aber es hat doch seinen eigenen Willen, manchmal bringt es mich zur Verzweiflung, aber meistens macht es mich sehr glücklich; es hilft mir zu wachsen und mich zu entwickeln. Das klingt fast wie eine Beziehung? Jakob Jentgens- Foto: Djamila Polo Unser Verhältnis zueinander, zu Dingen, Tätigkeiten und zu uns selbst untersucht Hartmut Rosa in seinem Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“ in Analogie zu einem Gespräch. Ein gutes Gespräch ist es, wenn wir zuhören, bereit sind, uns von dem, was wir hören, verändern zu lassen, gleichzeitig etwas teilen wollen und wirklich offen für die Reaktion sind. Mit einem Gegenüber, das wir beherrschen, werden wir kein inspirierendes Gespräch führen, sondern nur hören, was wir hören wollen. Unverfügbarkeit nennt es Rosa, wenn wir die Dinge nicht beherrschen und ihnen so Raum geben, uns zu antworten. In ihr sieht er eine Grundzutat für ein gutes Leben. Erleben können wir das beim Musikmachen oder beim Kochen, in Freundschaften, wenn wir in ein Konzert gehen, ins Theater oder in eine Ausstellung, ohne zu wissen, was uns erwartet. Die Welt erleben wir, glaube ich, alle gerade als zunehmend verunsichernd. Da wird es immer schwieriger, sich bewusst auf etwas „Unverfügbares“ einzulassen und zu vertrauen. Die US-amerikanische Botanikerin und Autorin Robin Wall Kimmerer erzählt in ihrem Buch „Geflochtenes Süßgras“ von Flechten, diesen Lebensformen, die totes Gestein vor anderen bewachsen und den Grundstock für Ökosysteme legen. Sie bestehen aus einer Symbiose aus Pilzen und Algen. Kimmerer erzählt, wie man Flechten im Experiment untersuchen wollte. Dabei trennten sie sich immer wieder in ihre Bestandteile auf – bis man die Experimente aufgab und keine Nährstoffe mehr zuführte. In dieser Notlage gingen Pilze und Algen aufs Neue ihre Symbiosen ein. Ich mag dieses Bild, das Hoffnung auf Gemeinschaft in herausfordernden Zeiten macht. Resonanz, Gemeinschaft, Inspiration, das alles ist unverfügbar und lässt sich nicht erzwingen. Es gibt aber Umstände, die es begünstigen und solche, die es hemmen. Seit einem knappen Jahr lebe ich wieder in Wuppertal und hatte in dieser Zeit das Glück, an ganz unterschiedlichen Orten der freien Kulturszene mit inspirierenden Menschen zusammenzuarbeiten: in der Bandfabrik, dem ORT, der INSEL, der Tanz Station - Barmer Bahnhof und anderen. All diese Orte verbindet das Engagement der Menschen, die dort Raum für Begegnung und Kultur schaffen. Es sind Biotope des Unverfügbaren, die aber auch gehegt und gepflegt werden wollen. Sie existieren nicht von sich aus, sondern durch die Menschen, die sie betreiben, die sie bespielen und ganz besonders durch die, die sie besuchen: als Publikum, mit Ideen und Anregungen, mit Unterstützung und Hilfe. Es sind Orte, die wir gemeinsam gestalten können und zu deren Besuch ich hier ganz herzlich einladen möchte. Feedback gerne an ➜ kolumne@fnwk.de vorheriger Artikel Transparente Demokratie und Kulturförderung nächster Artikel Die Zukunft bleibt unversicherbar 377