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Haben wir uns verloren?

6. Oktober 2021

Von Torsten Krug

Eigentlich handelt diese Kolumne von der sogenannten freien Kulturszene. Aktuell gehört die Oper Wuppertal auch ein wenig dazu. Vergangenen Sonntag eröffnete sie ihre Saison mit der Händel-Oper „Julius Caesar“. Bei der Begrüßung im Malersaal auf dem Gelände der Firma Riedel meine ich dem Intendanten Berthold Schneider die besondere Emotionalität dieses Ereignisses anzuhören: Seit Oktober 2020 konnten die Sängerinnen und Sänger nicht mehr in direkten Kontakt mit ihrem Publikum treten! Nach den Wirren der immer weiter verlängerten Schließungen durch die Corona-Schutzmaßnahmen hieß es im Sommer für die Oper „Land unter“, und so behilft sich das Ensemble mit Ausweich-Quartieren, leider auch außerhalb Wuppertals.

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Was für ein symptomatisches Bild für unsere Zeit: Eine Oper möchte aus dem Corona-Schlaf (in dem sie fleißig Traumbilder gestreamt hat) erwachen und findet sich überschwemmt von einer Flut! Nichts ist mehr, wie es war. Auch die Selbstvergewisserung, welche die Pflege von bisweilen Jahrhunderte altem Repertoire, die immer neue Auseinandersetzung mit einem Kanon einer Gesellschaft bieten kann, selbst sie scheint gefährdet. Und behauptet sich doch: Zwar verband sich der Raum des Malersaals nicht sonderlich mit dem Stück, konnte man die Musik in der eingeschränkten Akustik der hohen Werkstatt nicht immer perfekt ausgewogen hören, doch lieferten Orchester und Sängerensemble wie gewohnt höchstes Niveau und eine große Intensität.

Kultur ereignet sich. Überall. Das ist die Erkenntnis, die sich mir aus dieser krisenhaften Zeit aufdrängt, und beinahe möchte ich jede Veranstaltung gerade nur noch durch dieses Brennglas wahrnehmen: das Ereignis. Zu dem wir alle zusammen an einen Ort gekommen sind, um einen Ton, eine Sprache, eine Bewegung zu teilen, und die Stille danach. Um uns gemeinsam, gleichzeitig berühren zu lassen. Um öffentlich Nähe zu erleben. Fast möchte man ein religiöses Bild bemühen. Wo zwei und drei zusammen sind, da stellt sich Kultur mitten ein … Im Sinne von „Religion“, von „Zurückgebundenheit“, kann man die Bedeutung von Kultur in diesen Zeiten gar nicht hoch genug einschätzen.

Ab und zu bekommen wir Zuschriften auf diese Kolumne. Manchmal haben sie den Tenor, die Kulturszene solle sich doch nicht so wichtig nehmen, anderen ginge es auch schlecht. Oder so. Dazu ließe sich Treffliches sagen. Studien könnte ich hier anführen, welche die Relevanz der Kulturbranche als einer der größten Wirtschaftszweige belegen. Doch finde ich das müßig, geht es mir doch um etwas ganz anderes: Wenn uns die Kultur entgleitet, vergessen wir uns selbst.

Am letzten Septemberwochenende sorgte das kleine Festival „Literatur in der Stadt“ für Bewegung und viele Stimmen auf dem Laurentiusplatz. Als eine Art Literatur-Messe lieferte es einen Querschnitt durch die Literaturlandschaft Wuppertals, als wollte es sagen: Schaut, uns gibt es alle noch, besucht uns mal wieder! Viele nahmen die Einladung an.

Haben wir Publikum verloren? Diese Frage ist kaum zu beantworten und bezieht sich nicht nur auf Quantität. Nicht nur Bühnen haben Publikum verloren, auch Publikum Bühnen, also öffentliche Räume, in denen wir uns gegenseitig die Frage stellen können: Wie dringlich ist das, was wir da teilen? Dies empfinde ich in diesen Zeiten wie einen Auftrag: Was ist wirklich wichtig? Woran möchte ich teilhaben?

Es gibt uns (fast) alle noch. Kommen wir zusammen.

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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