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Erlaubt ist, was zerfällt?

Über offenbleibende Fragen. // 15. April 2020

Von Max Christian Graeff

„Und, was machen Sie im normalen Leben?“ Ich hatte die Frage schon befürchtet, als das Gespräch begann. Unter gewohnten Bedingungen hätte es kaum stattgefunden, schon gar nicht vor dem Baumarkt-Eingang, in einer Kundenschlange mit gefordertem Abstand den Parkplatz entlang. Manche sprachen nur verlegen, um das Hiersein mit Notwendigkeit zu rechtfertigen, während andere über die Frühjahrsmodelle der Kugelgrills diskutierten, als sei die Welt noch dieselbe. Ich wäre am liebsten so unsichtbar gewesen, wie ich mich überflüssig fühlte: Ein Autor, der nicht schreibt, muss sehen, wo er bleibt. Zum Glück ging es plötzlich rasant voran und wir zerstreuten uns.

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

In meinen zwei Jahren als Mitautor dieser Kolumne hatte ich noch nie ein so schlechtes Gewissen. Nicht vor Ihnen oder den Mitstreitern, sondern vor der Situation. Der Wettbewerb derer, die alles über alles zu wissen meinen, ist zurzeit enorm, doch auf meinem Zettel stehen nur Fragen. Was Kultur sei und was nicht, ist eine der ewigen darunter; die anderen sind breit gefächert: Wird sich irgendetwas ändern, wenn wir wieder zum Tagesgeschäft übergehen? Warum sollten diejenigen, die weiterhin profitieren, etwas zum Gemeinnutz ändern wollen? Was hänge ich einem Obdachlosen am besten an den Gabenzaun? Was macht er mit einer Dauerwurst, wenn er Zahnschmerzen und kein Messer hat? Wird mich die Cousine – Nachtschwester in der Notaufnahme – jemals wieder ernst nehmen können? Müssen wir in der Verwahrung zwangsläufig verwahrlosen? Wie komme ich ohne Kreditkarte an eine Mundbedeckung? Wie verzweifelt man halbwegs gerecht? Werde ich Karl Otto Mühl jemals wiedersehen? Wie viele Menschen sind heute schon im Mittelmeer ertrunken? Wann kommt die nächste Gelegenheit für ein Honorar? Welche Verlage und Kneipen werden überleben und werden sich die Lücken des Gewohnten jemals wieder schließen? Warum verlieren so viele Menschen gerade so eifrig ihren Glauben an das Wissen? Und wie viele Bedeutungen stecken in dieser letzten Frage?

„Put all space in a nutshell” – Die ganze Welt in eine Nussschale stecken oder auch „in a not shall“, in ein Nicht-sein-werden, Nicht-sein-sollen … Dieser surreale Satz aus „Ulysses“ von James Joyce fiel mir im Baumarkt vor den Vogelhäuschen aus Kokosnüssen wieder ein. Er wurde nicht geschrieben, um verstanden zu werden. Aber nachdenken lässt sich darüber gut. Ob Literatur jemals systemrelevant war oder es noch sein wird, ist keine Frage der Literatur, sondern des Systems. Die beiden kleinen Kinder, die auf dem Parkplatz von ihrer Mutter mit „Schnauze, ihr Opfer!“ angebrüllt wurden, haben wohl ganz andere Bedürfnisse: Sie brauchen erstmal wieder die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die über die kleine Hölle der eigenen vier Wände hinausreichen. Was werden sie uns Alten wohl einmal fragen, über diese Tage?

Doch, auch die freien Kulturschaffenden sind gefordert und systemrelevant. Sie bedienen die distanzierten Tage – oft honorarfrei – mit Online-

Programmen; sie versuchen im Markt der Aufmerksamkeit gegen die Heerscharen egozentrischer Scharlatane und Besitzstandswahrer zu bestehen. Sie halten die zwingenden Diskurse um Demokratie, Internationalismus und Klimawandel notdürftig am Glühen. Sie helfen im Verborgenen, in ihrem Umfeld, und besprechen die vielfältigen Zweifel ihrer Mitmenschen. Sie arbeiten an der Aufhebung der Grenzen zwischen den Welten, denn auch das Private ist politisch und alles, was wir sind, ist Kultur: Die offenen Fragen sind es noch mehr als manche schnelle Antwort.

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