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Das große Flattern hat begonnen

Perspektiven des Betrachtens: Das Du im Dunkeln, das Ich im Licht … // 9. Juni 2021

Von Max Christian Graeff

„Endlich wieder Randale!“ entfuhr es mir heute früh, als das Getöse von draußen zum Küchentisch drang. In der von ekstatischen Lauten begleiteten Rangelei ging es jedoch weder um Impfstoffe noch um Parteiplakate, und selbst die kobolzenden Grundschüler waren Mäuschen gegen die Bande, die sich hoch im Weißdorn um die Absprungplätze stritt: Eine Jungmeise nach der anderen sprang hektisch flatternd und krakeelend ins Leere, um nach verwegenen Sturzfiguren in den Glockenblumen zu landen. Nochmal fliegen lernen wäre schön, dachte ich und suchte im Netz nach Neuigkeiten zum hiesigen Kultursommer, der ab Juni unter dem Titel „Gemeinsam zurück über die Wupper“ stattfindet. Kultursommer gibt's heuer in vielen Gemeinden, sogar in Zeven, doch einen solch verzwickten Titel hat wohl niemand. Wie dieser Blick zurück nach vorn uns emotionalisieren wird, ist aber noch geheim. Bleibt es beim Spektakel mit neuen Moves und Feelings aus den Trainingscamps des Lockdowns oder entsteht spontan ein Labor für Wirkstoffe in so aufregender wie gezügelter Zeit? Neben dem sozialen Leben gibt es Gagen; das ist der notwendige Kern des Events.

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

Inzwischen sind auch einige tragende Säulen des lokalen Kulturgeschehens wieder zu besuchen; der Salon „Literatur auf der Insel“ im Ada lieferte kürzlich noch den Abend mit Mithu Sanyal per Stream und holt am Donnerstag weiter auf, wenn Philipp Weiss vor atmendem Publikum aus seinem Großwerk „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ liest. Literatur hilft seit jeher, um trotz der zivilisationsgeschichtlichen Unwetterlage täglich Fliegen zu lernen; sie rettet uns vor der Selbstaufgabe wie auch vor den Pirouetten permanenter Selbstbespiegelung. Kultur ist, wenn man's trotzdem macht.

Dahingehend ist derzeit jede Menge los: Gerade letzte Woche lief das Festival „Die Unendlichkeit des Augenblicks. Aufführungskünste nach Beuys“ auf stew.one, wobei mir trotz hehrer, kunstkaiserlicher Titel wie „Schütze die Flamme“ ehrlich gesagt stets bald die Augen vor dem Monitor zufielen. Dann griff ich schnell zum Buch und las parallel zum Fackellauf des Oberbürgermeisters neue Lyrik oder Aufregendes aus der Innovationshistorie unserer Stadt. Ich kann bei Gegenlicht einfach nicht gut denken; der reine Onlinekonsum selbst bester Theaterstücke schickt mich in Sackgassen der Leistungsschau. Für den „stream of consciousness“ brauche ich immer auch eine analoge Ebene, auf der die Gedanken zu flattern beginnen. Nur so kann ich das egozentrische Bewerten und Benoten des Erlebten überwinden und vom Kulturkunden wieder zum Mitlebenden werden, vom reinen Empfänger wieder zum Sender, der ich im Zuschauerraum immer auch bin.

Wer selber denkt, ist selber schuld – in dem Sinne, dass eben nicht immer nur ein anderer die Schuld am Schlamassel trägt. Jeder Mensch ist (Kunst hin oder her) verantwortlich, nicht nur fürs Frühstücksei und -ego, sondern für die ganze Welt, und kann die Energie, die derzeit überbordend auf Vorwürfe an andere verwendet wird, viel sozialer zum eigenen Begreifen nutzen. Insofern ist der jetzige On- und Offline-Foxtrott des Kulturkonsums tatsächlich ein Experimentierfeld für den Begriff der „sozialen Plastik“, mit oder ohne den heiligen Beuys. Vor allem auch in diesem speziellen Kultursommer mit seinem Gerangel um die Wählergunst. Der Wahlkampf verspricht so schmutzig, staubig, und klebrig zu werden wie die Hände eines im Eissalon alleingelassenen Kleinkindes. Er wird zum Zeichen dafür, wie es um unsere Kultur – um uns – wirklich bestellt ist.

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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