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Das Aushalten des Nichtwissens ist Kultur

Über die Arbeit am „vielleicht“ // 11. November 2020

Von Max Christian Graeff

Die Sonne schlägt sich flach durch Stadt- und Landkulissen und zeichnet die Welt in scharfen Kontrasten. In dieser Woche herrscht meist klare Sicht und wir fühlen uns dennoch, als säßen wir im milchigen Dunst, ausgesperrt von Raum und Zeit, nicht teilnahmeberechtigt an vielem, was uns vermeintlich zusteht. Die kurze Entspannung der Sommerfrische ist verweht; längst sind die Worte wieder schärfer und die Risse und Brüche tiefer geworden, quer durch die Gesellschaft, durch Familien und Gruppen, Vereine und Kollegien.

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

Die unabsehbare Dauer und Intensität schutzsuchender Maßnahmen liegt uns im Magen, als hätten wir eine Riesenportion Christstollenteig roh verschlungen; da helfen auch die kleinen Schnäpse der Präsidentenwahl und der möglichen Serumsfindung kaum weiter. Mit jeder Zahlenkolonne in der Brandung des medialen Meeres rollen uns haushohe Brecher entgegen, auf denen selbst Wissenschaftler kaum reiten können; die meisten von uns können sich kaum ein paar Sekunden auf dem Surfbrett halten, bevor die Wogen uns verschlingen.

In diesem wüsten Szenario sehen wir kaum, dass dies für weite Teile der Erdbevölkerung seit jeher Alltag ist: Das Nichtwissen dessen, was unbekannte, menschlich-unmenschliche Mächte gerade aus unseren Vorstellungen machen. Im Traum der erwerbbaren Sicherheit – koste es (andere), was es wolle – haben wir uns sämtliche Schwimmflügelchen angezogen, die von fleißigen Versicherungsagenten als Werbegeschenke verteilt wurden, bis wir das Schwimmen verlernten, sprich: das Orientierungswissen jenseits der Zahlen.

Die Erkenntnis, dass sich die Antworten auf wissenschaftliche Fragen nicht gegen die sonstigen Lebensprobleme ins Feld schicken lassen, darf kein Futter für jene egomanischen Kreischer sein, die mit ihrer lächerlichen Furcht vor den Masken die Freiheit anderer angreifen (denn nichts anderes tun sie). Im Gegenteil: Sie zeigt die Not und Notwendigkeit des ganzheitlichen Kulturbegriffs, der fernab aller Leistungsaufträge der Unterhaltung und des Erlebnisses stattfindet.

Auch die vorübergehende Einschränkung unseres verwöhnten Agierens im öffentlichen Raum ist Kultur: Das Nichtwissen und Bangen, die Unplanbarkeit und Existenzangst, das Improvisieren in verrauschenden Digital-Events, die gegenseitige Hilfe im Quartier, der private Nachhilfeunterricht, die überlasteten Gesundheitsämter, die längst vergessenen übernächtigten Krankenpflegenden und sogar auch jeder häusliche Gewaltakt, der Zellstoffneid und das selbstermächtigte faschistoide Sägen an den Pfeilern der Demokratie, all das sind Spiegelbilder unserer Kultur.

Die Szenen der freien Kunst und Kultur arbeiten mit vielen neuen Instrumenten aktiv daran, die Parameter für eine gerechtere, nachhaltigere Kulturpolitik zu verändern. Wir erleben, auf welch abhängigen und zerbrechlichen Pfeilern fast alle darstellenden, bildenden, technischen und dienstleistenden Berufe rund um das Kulturleben stehen. Zugleich bergen die Diskussionen auch Gefahren einer verstörenden Abgrenzung von den vermeintlich nicht kulturell Tätigen.

Dabei haben wir doch eine große gemeinsame Aufgabe, um der potenziellen Gewalttätigkeit des Durstes nach subjektiver Wahrheit entgegenzutreten: Die Arbeit am Vielleicht. Vielleicht schaffen wir es, dass weniger Menschen am Virus sterben, vielleicht auch, dass die Schulen etwas dazulernen. Vielleicht hören wir bald wieder Opern, vielleicht werden sogar ein paar neue geschrieben, inmitten des Nebels. Sicher ist das nicht, doch ein menschenwürdiges „Vielleicht“ lohnt, dass wir es aushalten.

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