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Der Homo ludens im Sommerloch

Von Torsten Krug

Heute kann ich einmal nicht von Wuppertal sprechen. Zu voll bin ich von den Eindrücken einer Arbeit mit einem halben Dorf. Und doch ist dieses Dorf auch ein Beispiel für Wuppertal, ein Mikrokosmos. Ein Wunder, wenn man so will.

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Seit 1906 steht in Ötigheim bei Karlsruhe eine Freilichtbühne. Der damalige Pfarrer Josef Saier, der seine Liebe zum Theater lebenslang bewahrte, hat diese Bühne gegründet. Eine bespielbare Fläche von 174 Metern Breite und 62 Metern Höhe macht sie zur größten Bühnenanlage Deutschlands. Aus Sorge um die örtliche Jugend, die sich dem Dorfleben durch zunehmende Industriearbeit zu entfremden droht, sucht Saier nach einer Beschäftigung, die den Menschen Sinn und Halt geben und sie vom Herumlungern in Gasthäusern abhalten soll. Bis heute bespielen die Ötigheimer jeden Sommer ihre einmalige Bühne. Werke der Weltliteratur, Opernklassiker, Märchen und Musicals stehen auf dem Programm. Die künstlerische wie organisatorische Arbeit der „Volksschauspiele“ umspannt das ganze Jahr und gibt ihm seinen Rhythmus.

Mehr als 1300 Menschen sind auf und hinter der Bühne beschäftigt, darunter etliche Profis. Die meisten jedoch gehen in ihrem „normalen“ Leben ganz anderen Berufen nach. Vor der Probe am Abend oder den Aufführungen am Wochenende sind sie Krankenschwester, Lehrer, Arzt, Innenausstatter oder leiten ein nahegelegenes Atomkraftwerk. Wer Einblick bekommen möchte in diese Welt, dem sei der SWR-Dokumentarfilm „Das Wunder von Ötigheim“ sehr empfohlen.

Die Regiearbeit an einem Märchen für diese Bühne hat mich gut eineinhalb Jahre beschäftigt. In dieser Zeit, in der ich mehr als acht Wochen dort lebte, habe ich Menschen kennengelernt, die als Handwerker oder Solarfachmann den ganzen Kanon der klassischen Bühnenliteratur kennen. Die nachts, nach erfolgreicher Vorstellung lauthals mehrstimmig mitsingen können, was die mitgebrachte Playlist aus dem Lautsprecher plärrt. Die ihre großen Begabungen vor einem Publikum von bis zu 4000 Menschen pro Vorstellung ausleben dürfen und nebenher Abitur machen oder in Mathematik promovieren.

Doch was mich am meisten bewegt hat, ist, dass ganze Familien gemeinsam an diesem Wunder Teil haben: Während die Großmutter noch immer schneidern hilft, hat der Vater eine Sprechrolle, spielt die Mutter im Volk, singt der Sohn im Chor und tanzt die Tochter im Ballett oder umgekehrt. Geschminkt und im Kostüm sehe ich sie auf dem riesigen Gelände zum Auftritt gehen. Dort können sie sich gegenseitig dabei erleben, wie sie spielen!

Das Modell des Homo ludens, des „spielenden Menschen“ besagt, dass wir unsere kulturellen Fähigkeiten am besten im Spiel entwickeln – im Gegensatz zum Homo Faber, der den „arbeitenden, handwerklich tätigen Menschen“ meint. Eines der Herzstücke in Ötigheim ist Schillers „Wilhelm Tell“, der dort regelmäßig neu inszeniert wird. Schiller betont in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ die Bedeutung des Spielens und spricht sich gegen die Spezialisierung und Mechanisierung unserer Lebensabläufe aus (wie übrigens nach ihm Friedrich Engels): „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

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