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Zwischen Alltag und Fest

Von Torsten Krug

Seit Wochen komme ich kaum zum Arbeiten. Das heißt: Ich arbeite halbe Nächte durch, kürzlich bis drei Uhr morgens, jawohl. Dann kann ich nicht schlafen vor Müdigkeit und Gedanken an das, was wieder liegen geblieben ist. Denn es ist nicht originär künstlerische Arbeit, die mir die Zeit raubt. Ich arbeite – wie schnöde – an meiner neuen Homepage. Die alte steht seit Sommer still und kann nicht mehr bestückt werden. Die neue will mithilfe eines superkomplexen Baukastens aufgebaut werden, den ich mir nerdhaft in wochenlangem Trial and Error erschließe. Meine Lust an Design und Augenarbeit hat ein alles absorbierendes Spielzeug bekommen. Der Stolz des Digital Natives, der ich gerade noch bin, untersagt es mir, diese Aufgabe aus der Hand zu geben.

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Nun hat diese Tätigkeit – braucht das ein Künstler überhaupt? – auch was von Psychohygiene. Alte Erinnerungen kommen hoch, während ich Fotos vergangener Inszenierungen hoch lade, Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, blicken mich an. Ich sortiere aus, was mir nicht mehr wichtig erscheint, ergänze, was in der Selbstdarstellung bislang fehlte. Ich baue und feile am virtuellen Auftritt, an einem Bild meiner Selbst. Ein befreundeter Schauspieler sagte mir einmal, es falle ihm schwer, sein eigenes Leben in der dritten Person zu formulieren. Auch neue Fotos von sich machen zu lassen und auf ein Portal für Schauspieler hoch zu laden, koste ihn Monate der Selbstüberwindung. Und das, obwohl er doch mit seinem Beruf bewusst in der Öffentlichkeit steht. Mir, der ich auch Autor bin, ist das weniger fremd. Schreiben wir doch alle mehr oder weniger von uns selbst, oft und gerne in der dritten Person. Diese Selbstfiktionalisierung kann auch gesund sein, eine Entdeckungsreise fernab von Narzissmus. Gut, dass ich mir heute Homepage-Verbot auferlegt habe, sonst könnte ich diese Kolumne nicht schreiben.

Vergangenen Freitag nun traf sich ein erlesenes Grüppchen im ehemaligen Schauspielhaus, oder besser: im zukünftigen Pina-Bausch-Tanzzentrum! Die Stadt hatte zum Empfang geladen, das Zusammenkommen von Unterstützern sollte Mut machen, ein Kick-off für die Herkules-Arbeit der kommenden Jahre sein, eine Selbstvergewisserung in Sachen internationale Strahlkraft. Und, wie war‘s? Herrlich schön wuppertalerisch: das Foyer war einmal durchgewischt worden, die wiederbelebte Theke bot Häppchen, freundliche Menschen liefen mit Tablets herum. Der OB sprach einige sympathisch launige Worte und dann – redete man miteinander. Weiter nix. Ganz ohne Pomp. Alle waren guter Dinge.

Als Pina Bausch zum 25-jährigen Bestehen ihrer Kompanie gefragt wurde, wie sie dieses Datum begehen wolle, wollte sie erst überhaupt nichts machen. Auf keinen Fall ein Festival, wie es ihr unter anderem Heinz Theodor Jüchter, ehemaliger Kulturdezernent Wuppertals, der diese Anekdote erzählte, vorschlug. Stattdessen entschied sie sich für ein mehrtägiges Fest, ein Zusammenkommen von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt, mit ihrem Publikum, mit Freunden und Verehrern. Gefragt, warum sie ihr Leben lang in Wuppertal geblieben sei, prägte sie den Satz, Wuppertal sei keine Sonntagsstadt, sondern Alltagsstadt. Und das sei gut für ihre Arbeit.

Vielleicht ist es das, was mich in Wuppertal so zu Hause fühlen lässt, diese oft krude Mischung aus Alltag und Fest. Übrigens: am 20. März lädt Freies Netz Werk Kultur zum Jour fixe ins Codeks, zum Thema „Wie wollen wir arbeiten?!. Und nun zurück zur Homepage.

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