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Wie Wuppertal denkt und dabei über 100 Mal aktiv ist

Der Countdown läuft. In drei Tagen am Abend findet die große Auftaktveranstaltung zum Engels-Jahr im Opernhaus statt. Letzten Freitag setzte der Run auf die verbleibenden Karten ein // 12. Februar 2020

Von Tine Lowisch

Eine Schlange von Wartenden, so lang wie damals bei Monet, hoffte geduldig auf die Chance, dabei zu sein. Nun sind alle Sitzplätze vergeben. Das Opernhaus ist ausverschenkt. Zunächst natürlich an über 90 Engels 2020 eigenprojektverantwortliche Ideengeber aus Forschung, Politik, Kultur und Gesellschaft, die sich mit langem Vorlauf und großem Engagement nun hoffentlich alle gemeinsam dafür einsetzen werden, Friedrich Engels jun. als weltbedeutenden Sohn der Stadt wieder zurück zu geben. Sie werden sich mit über 100 kuratierten Engelsaktivitäten auf den Weg machen, das Wesen seiner visionären Kraft in die heutige Zeit zu übersetzen. Aus den unterschiedlichsten Perspektiven wird sein facettenreiches Leben neu betrachtet. Es wird an Widersprüchen gearbeitet, seine Thesen werden in neue Kontexte gesetzt.

Tine Loweisch - Foto: Claudia Scheer van Erp
Tine Lowisch - Foto: Claudia Scheer van Erp

Wer war die selbsternannte „zweite Geige“ neben Karl Marx, die mit ihm zusammen das Kommunistische Manifest verfasste, eines der nachhaltig wirkmächtigsten Taschenbücher weltweit? Der Junge Engels aus Barmen, der in Elberfeld zur Höheren Schule ging, hatte sich bereits als Kind mit scharfer Beobachtungsgabe eine unbefangene Haltung ohne Schubladendenken angeeignet und sein soziales Gewissen geschärft. In seiner direkten Nachbarschaft im heutigen Engelsgarten bewegte er sich klassenunbewusst, ganz unbefangen und selbstverständlich, wie bei Kindern üblich, über Bleicherwiesen, durch die Arbeitersiedlungen und auch unter den Arbeitern und Handwerkerfamilien.

Durch diese kindliche Prägung bereits weise, verließ er seine Geburtsstadt ohne Hochschulreife: Sein übermächtiger Vater, dem die philosophischen Flausen im Kopf des jungen Rebellen suspekt wurden, nahm ihn kurz vor dem Abitur vom Gymnasium. So wurde der verlorene Sohn in die Welt hinausgesetzt, damit er was Ordentliches lernt. Eine kaufmännische Ausbildung in einem Kontor in Bremen sollte ihn erwachsen machen. Der gänzlich unterforderte, hochintelligente Friedrich blieb stark, ohne laut zu werden und nutzte geschickt das kontemplative Arbeitsumfeld seines Listenschreiberbüros, nutzte die neu gewonnene Freiheit, indem er dort unter einem Künstlernamen seine subversiven Briefe aus dem Wuppertal verfasste.

Friedrich Engels lebte ein vielschichtiges Leben mit doppeltem Boden. Dieses befragen seit seinem 199. Geburtstag bereits einige Projekte. Der Reigen ist eröffnet. Fast täglich werden bis zur großen Geburtstagsparty im Engels-Quartier am 28. November Möglichkeiten gegeben, sich mit ihm angemessen zu beschäftigen. Bis dann und bevor das Engels-Haus nach der Sanierung offiziell wieder eröffnen wird.

Wer jetzt schon wieder unkt: Was habe ich denn von Kongressen, Tagungen, Ausstellungen, Flash-Mobs, Interventionen im öffentlichen Raum, von Lesungen, Vorträgen, Büchern, Premieren, Workshops, Stadtspaziergängen, Aufführungen, Gemälden, oder von einer weiteren Engelsskulptur? Warum äußern sich auf einmal so viele mit ihren Programmpunkten zum Thema: Arbeit? In einer der ersten Industriestädte auf dem europäischen Festland? Dem empfehle ich: Gehen sie einfach hin – der Eintritt ist meistens frei.

Wir treffen uns auf öffentlichen Plätzen oder an versteckten Orten. Das Thema Arbeit passt schon, denn wir Wuppertaler sind das Arbeiten an Veränderungsprozessen doch längst gewohnt. Genauso wie das Ästhetisieren von Mechanismen, die den Wandel in der Arbeitswelt begleiten oder herbeiführen, ob industriell oder digital. Nehmen Sie die Stadt wahr, in der Sie leben und vielleicht sogar noch arbeiten – denken und machen sie mit. Dann erst kommt eine Stadt aus der Vergangenheit in der Gegenwart an, hat plötzlich diese Übersicht und kann mit Engels unterwegs in die Zukunft spazieren.

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