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Mit Engels im Kunst-Diskurs

Freie Kunst mag sperrig sein, doch sie sperrt mehr auf als zu. // 11. März 2020

Christian von Grumbkow

Neulich traf ich im ICE auf ein freundliches Paar aus Wuppertal. Natürlich sprachen wir über das Virus, aber auch über die Folgen für Wuppertal im Engelsjahr. Vor dem Aussteigen erfuhr ich noch, dass unsere Kolumne ja „eher etwas für Insider“ sei … Es ist kein Geheimnis, dass Kulturthemen und Kolumnen, in denen es sich um Kultur dreht, sprachlich komplexer ausfallen können als Sportreportagen. Und die Kultur selbst kann ja bisweilen auch sehr sperrig daherkommen. Wie lange haben wir Wuppertaler zum Beispiel gebraucht, uns an Pina Bauschs Ästhetik zu gewöhnen? Auch der Freejazz wurde in den 60er Jahren nicht in jedem Wohnzimmer goutiert.

Christian von Grumbkow - Foto: Andreas Fischer
Christian von Grumbkow - Foto: Andreas Fischer

Und nun der Engels, ein ganzes Jahr! In den kommenden Monaten können wir uns fast jeden Tag aus verschiedenen Perspektiven mit diesem über- wie unterschätzten, nicht besonders geliebten Sohn unserer Stadt beschäftigen. Das Programmangebot ist divers genug! Auch die freie Kunstszene ist voll dabei: Nach einer Auftaktveranstaltung als Jour Fixe im Kultursekretariat NRW 2018 und einem Vortrag von MdL Andreas Biallas entstand eine Reihe von Initiativen zum „Engelsjahr“.

Eine davon, die gerade eröffnete Ausstellung mit dem augenzwinkernden Titel „Was hat das mit Engels zu tun?“ im Neuen Kunstverein Wuppertal, ist aus mehreren Gründen spannend. Neun bildende Künstler, allesamt Mitglieder in unserem Netzwerk, arbeiteten zwei Jahre lang zu Friedrich Engels und diskutierten in etwa 20 Treffen und Workshops: Wie sollen wir – als Bildhauer, Maler, Videokünstler – uns diesem Phänomen annähern? Wie finden wir etwas, das die eigene künstlerische Identität wahrt, inhaltliche Qualität hat und zudem geeignet ist, den Besuchern neue Seiten des vielseitigen Menschen Engels aufzuzeigen?

Nach der Sicherung der Finanzen – einen großen Teil des Budgets hatte die Initiative selbst aufzustellen – und der Zusage des Neuen Kunstvereins Wuppertal für die Raumnutzung ging das Projekt mit großer Dynamik ins Finale. Zehn Tage lang wurde der Raum definiert, Positionen und Abfolgen wurden ausprobiert, die Werke wurden arrangiert und umgestellt; es kam zu Ungeduld und sogar zu tränenreichen Ausbrüchen. Am Ende wurde aus dem langen, weißen Rechteck des neuen KV im Kolkmannhaus endlich der einzigartige Engels-Parcours, den wir uns vor zwei Jahren vorgenommen hatten. Wie in jeder komplexen Gruppenausstellung zählen die Bezüge der Arbeiten zueinander, die Abwechslung von aktiven Werken und Ruhepolen und inhaltlich die Anknüpfungspunkte für eine unideologische Auseinandersetzung mit der Person Friedrich Engels, ohne die sozialen Zustände von damals (und heute) auszuklammern.

Wenn ich mir das Ergebnis anschaue und die Stimmung, Zustimmung und das Staunen der Vernissage-Besucher vor Augen halte, dann haben wir als Freies Netzwerk Kultur mit unserem basisdemokratischen Konzept wirklich etwas Wesentliches geschafft: Der Diskurs und die Gruppendynamik führten dazu, dass jede*r Beteiligte trotz der erforderlichen Kompromisse in seinen/ihren Beiträgen ein Stück über sich hinausgewachsen ist. Letztlich belegt diese Ausstellung, dass im verantwortlichen Miteinander viel mehr möglich ist als im einsamen Elfenbeinturm.

Und was hat das mit Engels zu tun? Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sieg der Kunst über Vorurteile und einseitiges, politisches Denken zugunsten eines Plädoyers für Toleranz, Mitmenschlichkeit und sozialer Verantwortung. Und so etwas will ja nicht nur der Engels, oder?

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