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Die Stunde der Radikalität der Jungen und der Kunst

Von Torsten Krug

Mitte Mai hielt der bisher nicht unbedingt als politischer Autor hervorgetretene Daniel Kehlmann in Wien eine Rede. Es war seine Dankesrede für den Anton-Wildgans-Preis. Möchten die Entscheidungsträger der Österreichischen Volkspartei, fragte er darin, nicht „endlich jene Gestalten, deren dummdreiste Vulgarität Ämter herabwürdigt, die man ihnen nie hätte anvertrauen dürfen, nach Hause schicken und dafür sorgen, dass man die Luft in diesem Land wieder atmen kann?“ Wenige Tage später geschieht, was der Autor sich wünscht: die Auflösung der Österreichischen Regierung. Kehlmann beteuert, er habe nichts vom Strache-Video gewusst. Zuvor hatte bereits Franzobel, ein anderer österreichischer Schriftsteller, in seinem Krimi „Rechtswalzer“ vieles vorweggenommen, was sich in den darauffolgenden Wochen als reales Politdrama abspielte.

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Die Hellsichtigkeit und utopische Kraft von Kunst zeigt sich gerade wieder allerorten. Nicht nur meine Generation, die wir mit dem „Ende der Geschichte“ und der Zementierung des kapitalistischen Systems aufgewachsen sind, erlebt eine Rückkehr der Utopien. Die Politik der Verwaltung kleinerer Probleme hat keine Daseinsberechtigung mehr. Rechte Rückwärtsgewandtheit ist nicht geeignet für unseren Weg in die Zukunft. Ein neues, mutiges „Groß Denken“ ist gefragt. Es ist die Stunde der Radikalität der Jungen – aber auch: die Stunde der Kunst.

Auch wenn ich schon wieder auf die Literatur komme: Jan Brandt, bisher ebenfalls kein dezidiert politischer Autor – 2011 sorge er für Furore mit seinem 900 Seiten starken Debüt „Gegen die Welt“ über die Auflösungen eines ostfriesischen Dorfes –, hat in seinem jüngsten Buch seine Odyssee auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum in Berlin zu einem Stück engagierter Literatur gemacht. Parallel dazu brach er auf in seine alte Heimat, um den Hof seines Urgroßvaters vor dem Abriss durch einen Investor zu retten – vergeblich. Auch dies ist ein Buch zur Stunde. Vergangenen Freitag las er im Café Ada. Halb ironisch, mit für ihn untypischer Siegergeste, brach es aus ihm heraus: dass sein Buch bereits dazu beigetragen habe, die Diskussion um „Betongold“ – um Wohnraum als Investitionsobjekt – zuzuspitzen und erste Handlungen in der Politik zeitige! „Ich habe Macht“, konstatierte er selbstbewusst. Und alle applaudierten.

Hat die Kunst Macht? Noch zu meiner Studienzeit erntete ein Lächeln, wer ihr solche zubilligen wollte. Das galt als Schnee von gestern, sprich: Alt68er-Romantik. Heute, mit dem Verstärker des Internets, scheint die Kunst als Raum, in dem wir „groß denken“ (und fühlen) können, wieder eine zentrale Rolle zu bekommen. Auch in den Theatern sind die Endspiele und Dekonstruktionen großer Theaterstoffe länger schon rückläufig. Neue Dramatik am Puls der Zeit drängt auf die Bühnen und bekommt diese auch vielerorts. Für Schriftsteller, sagt Daniel Kehlmann im Spiegel-Interview, sei die Zeit der politischen Zurückhaltung endgültig vorbei. Sich jetzt weiter darin zu üben, hält er – gerade angesichts rechtspopulistischer Aggressionen – für „moralisch falsch und politisch gefährlich“.

Wuppertal wird oft als Modellstadt für Zukunftskunst beschworen. Doch auch hier fehlt der große, zukunftsweisende Pinselstrich. – Das Potenzial ist da: „Wuppertal ist aktuell wie Berlin in den 90ern“, sage ich zu Jan Brandt am Freitag, und wir schlagen ihm vor, doch hierher zu ziehen. Mal sehen, ob er die Einladung annimmt.

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