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Aufs Neue sprechen lernen

Von Max Christian Graeff

„Ich weiß gar nicht, was ich zu allem sagen soll.“ – Ähnliches ist auf unserem klatschbunten Konsumentenjahrmarkt mit seinen Dieselfahrgeschäften, Schnellfeuerschießbuden und Provokationsattraktionen wieder öfter zu hören als noch vor wenigen Jahren. Obwohl uns die Zuckerwatte das Maul verklebt, melden immer mehr Menschen zaghaft ihre Zweifel am ewigen Fortgang der Kirmes an. Was aber genau zu sagen nicht gewusst wird, das trennt sich an der weltanschaulichen Wasserscheide und fließt auf der einen Seite schäumend in egoistischer Starrheit, Hasstendenz und Gewaltsprache hinab und auf der anderen Seite gluckernd mit mitmenschlichen Bedenken hinunter, mit einem Tasten in oft noch viel zu abstrakten Diskursen und zum Bedürfnis nach einer neuen Sprachgewalt.

Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini
Max Christian Graeff - Foto: C. Paravicini

Während sich die eloquenten WortführerInnen der „Fridays for future“ in den Jahrmarktbuden von Lanz und Anne Will ganz gut behaupten und dennoch bestenfalls mitfühlend für niedlich befunden werden, ist auf den Straßen noch nicht viel zu hören, was über ein Gruppenkuscheln hinausgeht – außer dem Nationalgekreisch hartrechter Quadratschädel und natürlich zum Glück auch dem vielfachen Widerstandsbeweis ihrer Gegner. Einigen Ereignislärm gibt es also. Was fehlt, ist eine breit verankerte intuitive Sprachkraft der Sorge um unsere gemeinsame Zukunft. Nicht elaboriert und qualitätszertifiziert, sondern einfach aus dem Bauch heraus, um noch unbekannte Worte ringend. Es fehlt uns die Stimme des Asphalts, auf dem wir das Recht auf eine mitmenschliche Zukunft in einer sich radikal verändernden Welt reklamieren.

Debattiert wird natürlich viel, in geschützten Räumen der Kunst und Kultur, auf Vernissagen, in Seminaren, auf Podien und Kongressen, dort, wo Neugier auf Einigkeit trifft. In der Freizeit und in den gepflegten Freiräumen des selbstständigen Arbeitens vergewissert man sich der guten Absicht. Dort aber, wo es weh tun könnte, wird – jedenfalls scheint es so – lieber geschwiegen, aus Sorge, sich zu blamieren oder als unberechenbar sozial durchzufallen Die Vollautomaten der sozialen Medien haben unser Sprechen im Kochwaschgang gereinigt und schrankfertig geschleudert. Auf den analogen Marktplätzen herrscht meist nur noch der „Sound of silence“ – so hieß die Zerstreuungshymne von 1965, die Mutter immer beim Spülen summte.

Ich hoffe neuerdings wieder: Auf eine neue, unbequeme Musik zum Aufbegehren, auf eine Sprache, die dem stummen Verzweifeln eine Würde entgegensetzt. Auf neuen Ungehorsam fern des Eigennutzes, auf besetzte Aulen, Werkshallen, Hörsäle, Flughäfen und Galerien. Darauf, dass die jungen Sprechenden sich weder von Autorität noch von Solidarität stillstreicheln lassen – und dass sie sich dazu entschließen, richtig laut zu werden, mutig und ohne Furcht vor Karriereverlust. Auf eine neue radikale Kunst. Wie schon die Fehlfarben sangen: „Sprich fremde Sprachen im eigenen Land, zerstreu alle Zweifel an deinem Verstand!“ Das war vor (fast 40) Jahren, und was wir taten, reichte nicht.

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