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Wir erzählenden Affen

Kultur als Schlüssel für unsere gemeinsame Zukunft // 19. Januar 2022

Die Geschichte geht so: Hemingway sitzt mit einigen Freunden zusammen und wettet mit ihnen, er könne mit nur sechs Worten eine Geschichte erzählen. Alle legen ihm ihre zehn Dollar Einsatz auf den Tisch und Hemingway schreibt auf eine Serviette: „For sale: baby shoes, never worn.“

Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer
Torsten Krug - Foto: Andreas Fischer

Diese Anekdote, ob wahr oder nicht, zeigt in wohl knappster Form, wie wir Menschen aus allem, was uns begegnet, eine Geschichte spinnen müssen. Anders wären wir gar nicht überlebensfähig. Möglicherweise zeichnet uns diese Eigenschaft als „erzählende Affen“ aus – so der Titel des Buches, welches mit dieser Anekdote anhebt und das ich sehr empfehlen kann. Welche Geschichten uns von Geburt an begleiten, spielt eine kaum zu überschätzende Rolle dabei, wie wir auf unsere Welt blicken. Aus Narrativen können Rassismus und Antisemitismus entstehen. Mit ihnen manipuliert Trump seine Fans, verfangen die Lügen von Rechtspopulisten. Wie wir uns in der Pandemie verhalten, ist maßgeblich geprägt von den Geschichten, die wir uns gegenseitig darüber erzählen. Und hier werde ich traurig. Einige Freundinnen und Freunde von mir, gebildet und studiert, haben sich offenbar seit Monaten, wenn nicht Jahren, abgelöst vom Strom der Narrative, welche ich bisher mit ihnen teilte. Vieles, was wissenschaftliche Studien zusammengetragen haben, was seit Jahrzehnten an Wissen akkumuliert und verifiziert wird, scheint infrage gestellt beispielsweise durch ein Buch von Heilpraktikern, welche davon schreiben, wie uns die Impfung auf ewig in einem Zwischenstadium halten könne, in dem wir weder lebendig sein noch sterben könnten. Dies sagte mir mein Freund O. allen Ernstes am Telefon, mein O., mit dem ich studiert, mit dem ich Musik gemacht habe und das auch wieder tun möchte: Wir kommen dann nicht richtig ins Jenseits.

Ich möchte hier niemandem zu nahe treten (auch Heilpraktikern nicht): Der Zweifel ist gerade das Kennzeichen von Wissenschaft (nicht ihre Gewissheit) und gehört mithin immer zu ihr. An der Demokratie kann ich ebenfalls zweifeln. Es ist jedoch ein paradoxes Phänomen, dass diese Art von Zweifeln gerade durch eine breite Demokratisierung des Wissens – sprich: das Internet – erst in großem Maße ermöglicht und vielfach beschleunigt wurde. Zuvor waren wir eher darauf angewiesen, das Wissen und die Autorität von Expertinnen anzuerkennen.

Und jetzt fragen Sie sich sicher schon lange, was dies alles in einer Kolumne zur Wuppertaler Kulturszene zu suchen hat. – Nun: Geschichten sind Teil unserer Sozialisation, sind letzten Endes der Kern unserer Identität; dazu wird – so viel sei verraten – die Wuppertaler Literatur Biennale im kommenden Sommer noch eine Menge zu erzählen haben. Und wie erzählen wir uns Geschichten? Mit den Mitteln der Kunst. Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Wenn wir als Gesellschaft(en) wieder zusammenrücken wollen – und das ist für unsere gemeinsame Zukunft unabdingbar –, brauchen wir Orte und Räume, an und in denen wir uns gegenseitig verbindende Geschichten erzählen können. Die Kultur ist das, was uns als Menschen zusammenhält. Auch in Wuppertal. Wenn jetzt die Energiekosten steigen (und hoffentlich auch wieder sinken werden), wenn der nächste Haushalt nun erst im Juni verabschiedet und der Gürtel möglicherweise enger geschnallt werden soll, darf an der Kultur nicht gespart werden. Das wollte ich nur mal gesagt haben.

Anregungen und Kritik: kolumne@fnwk.de

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